Eine Odyssee durch die moderne Kaffeewelt
Erinnert sich noch jemand an die guten alten Zeiten, als ein Kaffee einfach… bitte Trommelwirbel… ein Kaffee war? Man betrat ein Café, bestellte »einen Kaffee, bitte« und bekam – welch Wunder – genau das: Einen Kaffee. Schwarze Flüssigkeit in einer Tasse. Fertig. Wahlweise dann noch Milch und Zucker zugeben, wer es mag und braucht, aber mehr war nicht notwendig.
Diese Zeiten sind vorbei. Unwiederbringlich. Tot. Beerdigt unter einer Lawine aus italienischen Kunstwörtern, pseudo-hippen Kreationen und Instagram-tauglichen Zuckerbomben.
Von Espresso bis Unicorn Frappuccino
Heutzutage stehe ich an der Theke eines angesagten Cafés, wollte eigentlich nur kurz durchatmen, den Gedanken nachhängen und nebenbei ein bisschen Koffein tanken. Doch stattdessen starre ich auf eine Menütafel, die aussieht, als hätte ein Barista-Kollektiv nach einer durchzechten Nacht wahllos Worte auf eine Tafel geworfen.
»Möchten Sie einen Single-Origin Pour-Over aus Äthiopien oder doch lieber einen Triple-Shot-Vanilla-Hazelnut-Macchiato mit Hafermilch und Karamelldrizzle?«
Und während mein Gehirn noch verzweifelt versucht, den Unterschied zwischen Flat White und Cortado zu erfassen, bildet sich hinter mir eine Schlange aus Menschen, die offenbar alle einen Doktortitel in Kaffeeologie besitzen und ihre Bestellung mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks herunterbeten können.
Die geheime Sprache der Kaffee-Illuminati
Was zum Henker ist eigentlich ein »Ristretto«? Und warum klingt »Americano« wie eine Beleidigung für Menschen, die einfach nur verdünnten Espresso mögen? Hier ein kleiner Überblick für alle, die sich wie Kaffeeanalphabeten fühlen:
Der Klassiker und seine Verwandten
Espresso – Das italienische Kraftpaket. Etwa 30 ml purer Koffeintreibstoff, der eigentlich nur von Menschen getrunken werden sollte, die entweder a) Italiener sind oder b) so tun, als wären sie es.
Americano – Für jene, denen Espresso zu intensiv ist. Im Grunde ein mit heißem Wasser verdünnter Espresso. Entstand angeblich im Zweiten Weltkrieg, weil amerikanische Soldaten mit der italienischen Kaffeestärke nicht klarkamen. So viel zur kulturellen Anpassungsfähigkeit.
Cappuccino – Der »Ich-bin-so-europäisch«-Kaffee. Ein Drittel Espresso, ein Drittel heiße Milch, ein Drittel Milchschaum. Nach 11 Uhr morgens zu bestellen gilt in Italien als Todsünde. Außerhalb Italiens interessiert das niemanden.
Eine Fallstudie
Neulich habe ich Folgendes beobachtet: Eine Frau mitten im Berufsleben betritt zögernd einen hippen Coffeeshop. Sie möchte eigentlich nur einen »normalen Kaffee«. Nach fünf Minuten Erklärungsversuch des Baristas, drei Rückfragen und zwei Seufzern verlässt sie den Laden mit einem – und jetzt kommt’s – »Vanilla Iced Blended Frappuccino mit Extra-Shot und Sahnehaube«.
Was sie nicht wusste: Die Grundlage ihres 7,90 Euro (!!) teuren Getränks war – Überraschung! – Instantkaffee, aufgepeppt mit Sirup und Eiswürfeln aus der Maschine.
Die große Instant-Verschwörung
Hier kommt das wahrhaft Ironische: Während man an der Theke steht, schwitzend, weil die Entscheidung zwischen »Light Roast« und »Dark Roast« plötzlich lebensverändernd erscheint, geschieht im Hintergrund oft das Unfassbare: Besonders bei komplexen Getränken wie Eiskaffee-Kreationen oder den bunten Zuckermonstrositäten kommt nicht selten Instantkaffee zum Einsatz!
Da hätte man auch gleich zu Hause bleiben und sich für 12 Cent einen Löffel Nescafé in heißes Wasser rühren können. Aber nein, man wollte ja »Atmosphäre«. Und einen Namen auf dem Becher, der grundsätzlich falsch geschrieben ist.
Überleben im Kaffeedschungel
Wer heutzutage einfach nur Kaffee trinken möchte, ohne dabei einen Kurs in Botanik, Geographie und italienischer Sprachkunde belegen zu müssen, dem sei daher Folgendes geraten:
- Die Augen schließen, auf die Karte zeigen und »Das hätte ich gerne« sagen. Funktioniert erstaunlich gut.
- Den Begriff »Filterkaffee« wie ein Mantra wiederholen. In 60% der Fälle bekommt man tatsächlich etwas, das entfernt an den Kaffee erinnert, den Oma früher kochte.
- Einen eigenen Thermosbecher mitbringen. Mit Instant-Kaffee-Granulat darin. In jedem Café gibt es heißes Wasser.
Eine gute Pause
Letztendlich wünsche ich mir am Ende nur, einen Moment der Ruhe zu finden, durchzuatmen und vielleicht ein nettes Gespräch zu führen. Ob der Kaffee dabei nun aus den Hochlagen Guatemalas stammt oder aus einem Glas mit der Aufschrift »Caffè Latte Mix« – die Hauptsache ist doch, dass er seine Wirkung tut: Mich wach halten, während ich über die absurden Entwicklungen unserer Kaffeewelt sinniere – nicht die Frage, ob der Barista die Milch auf exakt 68,1 Grad erhitzt hat.
© Ron Vollandt · Weitere Fundstücke aus meinem Alltag
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4 Kommentare
Michael · 22. Januar 2026 um 15:03
Sehr humorvoller Beitrag. Gerne mehr davon!
Ron Vollandt · 23. Mai 2026 um 09:22
Lieber Michael,
freut mich sehr, dass meine Kaffeesatzleserei dich erheitert hat. Solange das Universum mir täglich neue Absurditäten frei Haus liefert – vom Senfregal bis zum Bewerbungsgespräch – wird der Nachschub nicht abreißen. Schau gerne wieder vorbei.
Viele Grüße zurück
Ron
Queen All · 11. April 2026 um 11:07
Das erinnert mich daran, wie ich im Urlaub mal tatsächlich nur eine Tasse heißes Wasser und ein Tütchen Instantpulver bekommen habe. In einem Café. Sogar selbst zusammenrühren musste man sich den Kaffee dort. Was waren wir froh, als wir eine Filiale der Kaffeekette entdeckt hatten. Da hat deren Plörre sogar mal geschmeckt. In Italien habe ich allerdings bis heute Probleme, einen ordentlichen (großen!) Becher simplen schwarzen Kaffee zu bekommen. Dafür ist das Essen dort unschlagbar lecker!
Koffeinhaltige Grüße!
Ron Vollandt · 29. Mai 2026 um 09:01
Liebe Vanessa,
dein Erlebnis mit der Tasse heißem Wasser und dem Tütchen Instantpulver ist die Krönung dessen, was ich nur theoretisch beschrieben habe – wer braucht denn überhaupt ein Café, wenn man am Ende selber rühren muss? In solchen Momenten hat selbst die Plörre aus den weltweit bekannten Ketten etwas Nahezu-Tröstliches.
Den italienischen Kaffee-Frust kann ich gut nachfühlen. Italiener und großer Becher schwarzer Kaffee – das ist so ähnlich wie Friesen und große Auswahl an Sonnencreme. Ein theoretisch denkbares, in der Praxis aber nicht vorgesehenes Konstrukt. Dafür allerdings das Essen: Da reicht eine schlecht gemachte Pasta in einer abgelegenen Pizzeria, um zu Hause die nächsten zwei Monate ständig unzufrieden in der eigenen Küche zu sitzen.
Koffeinfreie Grüße zurück
Ron