Die befreiende Kraft des Nein-Sagens
Es ist schon einige Jahre her, aber die Szene spielt sich noch heute kristallklar vor meinem inneren Auge ab. Eine Einladung zum Bewerbungsgespräch flatterte ins Haus – damals noch per Post, mit Briefmarke und allem Drum und Dran. Natürlich freute ich mich und ich bereitete mich sehr gut auf den Termin vor. Schließlich wollte ich einen guten Eindruck hinterlassen: Nicht nur fachlich, sondern auch mit Pünktlichkeit, Souveränität – eben das ganze volle Programm.
Die theoretische Fahrtzeit betrug 50 Minuten. Ich plante einen üppigen Reservepuffer von einer vollen Stunde ein, weit mehr als sonst. Macht zusammen satte 110 Minuten Vorlauf für unvorhersehbare Eventualitäten. Eine Stunde und fünfzig Minuten! Wer sollte da noch zu spät kommen? Das war praktisch unmöglich.
BVG – Berliner Verzögerungsgarantie
Berlin besteht aus einem Kosmos von S-Bahnen, U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen, das jeden Punkt der Stadt zuverlässig miteinander verbindet. Theoretisch! Bitte nicht schon jetzt lachen, denn damals herrschte tatsächlich bei mir noch uneingeschränktes Vertrauen in dieses System. Tatsächlich nehme ich Berlin mittlerweile eher als eine Stadt wahr, in der man lernt, was »gleich« wirklich bedeutet: irgendwann zwischen jetzt und nie.
An jenem verhängnisvollen Tag beschloss das öffentliche Verkehrsnetz, eine Lektion in Demut zu erteilen. Der Bus, auf den die ganze Planung aufbaute, ließ auf sich warten. Und warten. Und noch mehr warten. Die digitale Anzeige an der Haltestelle schien sich einen Spaß daraus zu machen, die Ankunftszeit in immer größere Ferne zu rücken. Drei Minuten. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Zweiundzwanzig Minuten.
Der Anfang vom Ende
Als der Bus endlich eintrudelte – mit der Lässigkeit eines Monarchen, der weiß, dass sein Publikum ohnehin wartet –, hatte sich der komfortable Zeitpuffer bereits merklich aufgelöst. Doch das war erst der Anfang. Denn kaum war ein Sitzplatz erobert, folgte ein typisches Berliner Phänomen: der mobile Stillstand. Fünfzehn Minuten. Fünfzehn kostbare Minuten im gepflegten Verkehrsstau. Draußen staute sich der Verkehr, drinnen staute sich meine Nervosität. Die Minuten auf der Uhr liefen Tick für Tick davon, während mein Zeitpolster schmolz wie ein Eis in der Sommersonne.
Das Firmengelände-Labyrinth erwacht
Als ich endlich am Firmengelände ankam, war von meiner ursprünglichen Zeitreserve fast nichts mehr übrig. Doch das Schicksal hatte offenbar beschlossen, dass dieser Tag noch nicht chaotisch genug war. Die Frage lautete nun: Wo genau muss ich hin?
Ich stand da, schaute mich um und fühlte mich wie ein Erstklässler am ersten Schultag. Das Firmengelände entpuppte sich als weitläufiges Areal mit mehreren Gebäuden, Parkplätzen und verwinkelten Wegen. Und natürlich – wie sollte es auch anders sein – befand sich mein Zielgebäude in der äußersten Ecke des Geländes. Selbstverständlich.
Also lief ich. Schnellen Schrittes. Nein, eigentlich rannte ich. Einen ganzen Kilometer quer über das Gelände, vorbei an parkenden Autos, anderen Gebäuden und vermutlich einigen verblüfften Mitarbeitern, die sich fragten, warum dieser wild aussehende Mensch gerade einen Sprint hinlegte. Meine Businessschuhe waren definitiv nicht für olympische Laufleistungen konzipiert, aber manchmal muss man eben über sich hinauswachsen.
Sechster Stock, kein Aufzug
Endlich – endlich! – erreichte ich das richtige Gebäude. Keuchend, verschwitzt, aber immerhin angekommen. Ich warf einen Blick auf die Information: sechster Stock. Kein Problem, dachte ich, es gibt ja einen Aufzug.
Natürlich gab es einen Aufzug. Nur funktionierte er nicht. Ein kleines Schild verkündete lapidar: »Außer Betrieb«. Vermutlich war das Schild dort schon seit Monaten angebracht, und alle Mitarbeiter hatten sich längst an den Zustand gewöhnt. Aber für mich bedeutete es: sechs Stockwerke zu Fuß. Nach einem Kilometer Sprint. Auf die Uhr wagte ich gar nicht mehr zu schauen, denn ich war bereits längst über der Zeit.
Also hastete ich die Treppen hoch. Stufe für Stufe. Etage für Etage. Meine Lungen protestierten, meine Beine ebenfalls, aber ich ließ nicht locker. Im dritten Stock begann ich, meine Lebensentscheidungen zu hinterfragen. Im vierten Stock fragte ich mich, ob Sport nicht doch eine gute Idee gewesen wäre. Im fünften Stock sah ich bereits das Licht am Ende des Tunnels – oder war es nur der Sauerstoffmangel?
Oben angekommen, unten durch
Als ich endlich – endlich! – im sechsten Stock ankam, war ich ein Häufchen Elend. Kurzatmig, verschwitzt, mit hochrotem Kopf. Aber immerhin da. Ich meldete mich beim Empfang, fast ganz hinten am Ende des Ganges. Dabei versuchte ich meine Atemlosigkeit zu kaschieren, was etwa so erfolgreich war wie der Versuch, einen Elefanten in einem Porzellanladen zu verstecken.
Im Wartebereich saßen bereits andere Kandidaten. Gepflegt aussehende Menschen, die offenbar keine epische Odyssee hinter sich hatten. Die vermutlich mit dem Auto gekommen waren. Deren Aufzüge funktionierten. Die nicht aussahen, als hätten sie gerade einen Marathon absolviert.
Kaum hatte ich Platz genommen – es war gefühlt gerade mal eine Minute vergangen –, wurde ich auch schon aufgerufen. Noch immer rang ich nach Atem, meine Stimme klang heiser und gepresst. Ich betrat den Raum, in dem mein potenzieller zukünftiger Chef saß, und entschuldigte mich in förmlichstem Ton für die Verspätung. Freundlich, höflich, mit einem entschuldigenden Lächeln.
Sympathie? Fehlanzeige!
Die Reaktion, die nun folgte, hätte ich in einem Drehbuch für unglaubwürdig gehalten. Der Gesprächsleiter schaute mich mit einem Blick an, der irgendwo zwischen »genervt« und »persönlich beleidigt« lag, und fragte im schärfsten Ton, warum ich denn nicht pünktlich erscheinen könne. Ob das etwa meine übliche Handhabe sei. Ob ich grundsätzlich zu spät komme.
Ich versuchte zu erklären, aber meine Worte schienen an einer unsichtbaren Wand abzuprallen. Die Stimmung im Raum war eisig. Und es wurde nicht besser.
Er begann, mich zu einer bevorstehenden Veranstaltung der Firma auszufragen. Detailliert. Akribisch. Welches genaue Datum? Welche exakte Uhrzeit? Ich musste zugeben, dass ich diese Informationen nicht im Kopf hatte. Warum auch? Die Veranstaltung war in wenigen Wochen, und ich hatte mir diese Details nicht auswendig gelernt, weil ich davon ausgegangen war, dass ich bis dahin – falls überhaupt – noch genug Zeit hätte, mich damit zu beschäftigen. Außerdem war es ja nur ein Bewerbungsgespräch, keine Prüfung in Firmentrivia.
Doch meine Unwissenheit schien ihn nur noch mehr zu irritieren. Er hakte nach. Wieder und wieder. Nicht nur dazu, sondern auch noch zu weiteren Banalitäten. Zu Details, die objektiv betrachtet völlig nebensächlich waren. Die Chemie zwischen uns? Existierte nicht. Nicht einmal in Spuren. Es war, als würden wir auf verschiedenen Planeten leben und lediglich durch Zufall denselben Raum teilen.
Die befreiende Macht der Chuzpe
Und dann, nach höchstens zehn Minuten dieses zunehmend absurden Gesprächs, überkam mich ein Gedanke. Ein kristallklarer, unmissverständlicher Gedanke: »Nein.«
Nein, ich will nicht für diesen Menschen arbeiten.
Nein, ich will nicht jeden Tag in ein Büro kommen, in dem diese Person mein Vorgesetzter ist.
Nein, ich will nicht jahrelang – oder auch nur Monate – in einem Umfeld verbringen, in dem Pünktlichkeit über allem steht, aber Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.
Und so tat ich etwas, das ich vorher nie getan hatte und seitdem auch nie wieder getan habe: Ich stand auf, lächelte freundlich und sagte: »Vielen Dank für das Gespräch. Ich gehe jetzt.«
Und dann ging ich. Einfach so. Verließ den Raum, während mein potenzieller Chef mich mit offenem Mund anstarrte.
Erstaunte Gesichter ringsum
Die Türklinke war schon in der Hand, als ich einen letzten Blick in den Raum warf. Von den Anwesenden schauten mich drei Mitarbeiterinnen mit Blicken an, als hätte ich gerade verkündet, dass ich vorhabe, zum Mond zu fliegen. Mit einem selbstgebauten Fahrrad.
»Das können Sie doch nicht machen!«, rief eine von ihnen hinterher. Die Empörung in ihrer Stimme war unüberhörbar. Als hätte ich gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen. Als wäre es eine Todsünde, ein Bewerbungsgespräch vorzeitig zu beenden. »Bleiben Sie doch hier«, flüsterte eine andere ganz leise. Fast in einem Ton, der die harsche Art des Chefs unausgesprochen rechtfertigen sollte. Als sei das alles normal. Als gehöre es eben dazu, so behandelt zu werden.
Aber in diesem Moment war ich mir so sicher wie selten in meinem Leben. Eine Art Chuzpe – diese wunderbare Mischung aus Dreistigkeit und Selbstbewusstsein – hatte von mir Besitz ergriffen. Ich ging einfach. Die Treppe hinunter. Sechs Stockwerke. Diesmal ohne Eile. Diesmal mit einem Gefühl von Befreiung.
Die Erkenntnis danach
Natürlich kann man argumentieren, dass ich an diesem Tag eine Menge Zeit verschwendet habe. Über vier Stunden insgesamt: Anfahrt, die chaotische Odyssee auf dem Firmengelände, das Treppensteigen, das Gespräch selbst. Lebenszeit, die ich nie zurückbekomme.
Aber wenn ich heute – Jahre später – an diesen Tag zurückdenke, empfinde ich vor allem eines: Erleichterung. Und ja, auch ein bisschen Stolz. Denn wie oft im Leben haben wir den Mut, einfach »Nein« zu sagen? Wie oft trauen wir uns, eine Situation zu verlassen, die uns nicht guttut, nur weil es sich nicht gehört? Weil andere es erwarten? Weil wir Angst haben, unhöflich zu wirken?
Manchmal muss man Dinge nicht erzwingen. Manchmal ist es die bessere Entscheidung, auf sein Bauchgefühl zu hören und einfach zu gehen. Dieser Tag hat mich gelehrt, dass nicht jede Chance wirklich eine Chance ist. Dass nicht jeder Job es wert ist, ergriffen zu werden. Und dass die Vorstellung, mit einem Menschen zusammenzuarbeiten, der einen vom ersten Moment an respektlos behandelt, ein ausreichender Grund ist, Nein zu sagen.
Vier Stunden für einen Blogartikel
War es verschwendete Zeit? Vielleicht. Aber zumindest kommt heute noch ein schöner Blogartikel dabei heraus. Und vielleicht – nur vielleicht – erkennt sich der ein oder andere in dieser Geschichte wieder. Jemand, der ebenfalls schon mal in einem Bewerbungsgespräch saß und dachte: »Was mache ich hier eigentlich?«
Und wer sich mal in einer ähnlichen Situation wiederfinden sollte: Einfach auf sich hören. Nicht jede Tür, die sich öffnet, führt in einen Raum, in dem wir sein möchten. Und manchmal ist der mutigste Schritt nicht der nach vorne, sondern der direkt wieder hinaus.
Ich habe es bis heute nicht bereut. Im Gegenteil: Diese zehn Minuten Chuzpe waren vermutlich die beste Investition, die ich an jenem chaotischen Tag getätigt habe. Vielleicht sollte ich der BVG doch danken – sie hat mir womöglich einiges erspart.
© Ron Vollandt · Weitere Fundstücke aus meinem Alltag
Anmerkung des Autors: Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. Einige Details wurden zum Schutz aller Beteiligten verändert.
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12 Kommentare
Rebecca · 17. Februar 2026 um 17:02
Lieber Ron,
großartig! Ich wäre gerne dabei gewesen und hätte die verdutzten Gesichter gesehen 🙂
Deine Geschichte erinnert mich an eine unangenehme berufliche Situation, die schon einige Jahre her ist. Meine innere Stimme forderte mich damals auch auf, aufzustehen und den Raum zu verlassen. Damals hatte ich leider nicht den Mut, Nein zu sagen und zu gehen – was mich im Nachhinein sehr geärgert hat.
Ein Satz, den ich mitnehme: „Manchmal ist der mutigste Schritt nicht der nach vorne, sondern der direkt wieder hinaus.“
Herzliche Grüße
Rebecca
Ron Vollandt · 23. Mai 2026 um 09:24
Liebe Rebecca,
deine ehrliche Rückmeldung berührt mich. Das ist ja das Fiese an diesen Momenten: Die innere Stimme spricht oft sehr deutlich – aber wir sind schon so trainiert, sie zu überhören. Aus Höflichkeit, aus Pflichtgefühl, aus Angst, unhöflich zu wirken. Und im Nachhinein ärgert man sich nicht nur über die Situation selbst, sondern auch über das eigene Schweigen.
Tröstlich finde ich allerdings: Wer einmal gemerkt hat, wie sich dieses »Hätte ich doch…« anfühlt, hört beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen genauer hin. Insofern war die unangenehme Situation damals zumindest ein guter Lehrmeister – auch wenn man auf solche Lehrer ja gerne verzichten würde.
Herzliche Grüße zurück
Ron
Jenny · 28. Februar 2026 um 17:43
Hey,
der erste Eindruck, der Zweite, objektiv dann subjektiv und wenn sich alles vereint und man merkt, es passt nicht, dann ist dein Schritt der Beste gewesen. Mich hat es schmunzeln lassen und ich freue mich, dass du so mutig gewesen bist.
Liebe Grüße!
Ron Vollandt · 31. Mai 2026 um 10:19
Hallo Jenny,
dieser Übergang von »objektiv« zu »subjektiv« ist tatsächlich der entscheidende Moment in solchen Gesprächen – wenn das Bauchgefühl plötzlich lauter spricht als die Argumente, sollte man hinhören. Schön, dass die Geschichte dich zum Schmunzeln gebracht hat. Genau dafür sind sie da.
Mutige Grüße zurück
Ron
Silke Geissen · 20. März 2026 um 11:16
Lieber Ron,
da wäre ich gern dabei gewesen. Erst, um dir zu applaudieren, dann, um den Raum ebenfalls zu verlassen. Wenn uns die Intuition ein Nein schenkt, dürfen wir uns das gern genauer ansehen. Wenn ich meine Arbeitsverhältnisse Revue passieren lasse, waren alle die schlecht, bei denen im Bewerbungsgespräch eine komische Stimmung herrschte, ich mich verbogen oder innerlich gewunden habe. Danke für diese kurzweilige und mutige Geschichte.
Chapeau!
Grüße aus Hamburg
Silke
Ron Vollandt · 26. Mai 2026 um 14:46
Liebe Silke,
»die Intuition schenkt uns ein Nein« – diese Formulierung gefällt mir außerordentlich gut. Sie macht aus dem Bauchgefühl ein kleines Geschenk, das wir entweder annehmen oder ungeöffnet zurückgeben. Die meisten von uns sind im Zurückgeben leider sehr geübt.
Deine Rückschau auf die schlechten Arbeitsverhältnisse trifft den Kern: Im Nachhinein war das Signal jedes Mal schon im Bewerbungsgespräch da. Wir haben es nur überstimmt – mit Vernunft, mit Argumenten, mit dem berühmten »wird schon werden«. Und wurde dann eben doch nicht. Vielleicht sollten wir der Intuition öfter mal eine zweite Tasse Tee anbieten, statt sie nur als nervige Schwiegermutter zu behandeln, die immer rechtzeitig warnt.
Hanseatische Grüße zurück
Ron
Britta Langhoff · 24. Mai 2026 um 17:05
Alles richtig gemacht ! Den Aufwand würde ich auch nicht als verschwendete Zeit betrachten – Du hast etwas Wichtiges gelernt an diesem Tag. Verschwendete Zeit wäre nur gewesen, wenn Du da geblieben wärst und das über Dich hättest ergehen lassen.
Du bist da mit mehr Selbstachtung rausgegangen und das war/ ist sicher eine ganze Menge wert.
Ron Vollandt · 25. Mai 2026 um 09:17
Liebe Britta,
»verschwendete Zeit wäre nur gewesen, wenn ich geblieben wäre« – das ist eine schöne Umkehrung der üblichen Sichtweise. Wir neigen ja dazu, die Minuten zu zählen, in denen scheinbar nichts Produktives passiert ist, und übersehen dabei, dass Erkenntnis durchaus auch ein Ergebnis ist. Vielleicht sogar das wertvollere.
Selbstachtung ist tatsächlich eine seltsame Währung: Wer sie auf den Tisch legt, verliert auf kurze Sicht oft Optionen – auf lange Sicht aber gewinnt er sich selbst zurück. Und das ist ein Geschäft, bei dem ich rückblickend gerne unterschrieben habe. Was du beschreibst, hat übrigens etwas mit dem zu tun, was ich in »Loslassen als Strategie« aus einer anderen Richtung beleuchtet habe – manchmal ist das, was wie Aufgeben aussieht, in Wahrheit ein leiser Gewinn.
Dankbare Grüße zurück
Ron
Dr. Nerd · 30. Mai 2026 um 18:55
Leider war ich – als ich noch in der IT berufstätig war häufig Dauergast auf der Wartebank der Agentur für Arbeit. Kleinere IT-Firmen, die schneller Pleite gingen als der Geschäftsführer den Leasing-Vertrag für den Firmen-Porsche unterschreiben konnte (was durchaus einen Zusammenhang mit der Insolvenz der Firma hatte – also unter anderem), das platzen der IT-Blase in den 2000ern, befristete Arbeitsverträge, die generell nicht verlängert wurden, weil man personell „flexibel“ sein wollte – was nichts anderes wie eine Hire and Fire Mentalität war, und man sich so eine Abfindung ersparen konnte. Es gab zig Gründe warum man regelmäßig wieder einen Termin in den Gängen der „Agentur“ hatte.
Schlimmer als das Gefühl ein Bittsteller zu sein (was albern ist, denn man zahlt als Arbeitnehmer von seinem Gehalt in die Arbeitslosenversicherung ein und genau dafür ist sie auch da) waren die zum Teil absurden Vorstellungsgespräche, bei denen man das Gefühl hatte, dass der Personaler von Gegenüber noch weniger Bock hatte an dem Tag dort zu sitzen, als man selber.
Auch die Fragen haben bei mir häufig zu Kopfschütteln geführt.
Kann mich an ein Vorstellungsgespräch bei einer Feuerwehr (Stadt im Ruhrgebiet, weiss den Namen aber nicht mehr – tut auch nix zur Sache) erinnern. Bei der Stelle ging es um die Überwachung der mobilen Endgeräte. Der Raum. eine Aula ungefähr 50 Meter lang – am Anfang, vielleicht 10 Meter vom Eingang ein kleiner Tisch mit einem Stuhl – 30 Meter weiter eine Phalanx von Tischen mit 7 Feuerwehrgenerälen in Ordengeschmückten Uniformen – links daneben aber auch durch die Entfernung kaum erkennbar die Personalreferentin und ein Schriftführer.
Die Fragen? Belanglose Standardfragen wie sie in jedem Bewerbungstrainer stehen. Fragen – Antworten – Abhaken. Ich merkte aber, dass die Chemie nicht stimmte. Man merkt relativ schnell die negativen Vibes anderer Menschen anhand derer Körpersprache, Betonung der Fragen, die spürbare Desinteresse an meiner Person.
Dann fragte mich der IT-Leiter einige IT-Standardfragen. Auch nichts wildes – Dinge die man selbst dann weiß, wenn man als DAU die Computerbild liest um zu wissen wo man einen PC einschaltet.
Das ganze war so eine Schmierenkomödie und mir dämmerte, dass dies eine erzwungene Auschreibung war, die man zwar öffentlich bekannt machen muss – die Stelle aber intern schon mit längst mit einem gesetzten Mitarbeiter besetzt werden soll.
Ich beschloss die Sache für beide Seiten abzukürzen.
Auf die Frage: „Warum sollten wir ausgerechnet SIE einstellen“, antwortete ich: „weil ich auch ein verdammt dickes Rohr habe!“ (Feuerwehr – C-Rohr – du verstehst?)
Die Personalreferentin spuckte ihren Orangensaft über ihre Unterlagen und die schwarze Garde am Horizont wurde still.
„Wir melden uns!“
Ich hab den Job nicht gekriegt.. schade..
Ron Vollandt · 31. Mai 2026 um 10:16
Hallo Peter,
dass das Bewerbungsgespräch eine inszenierte Pflichtübung war, ist aus deiner Schilderung wirklich greifbar – die Phalanx aus sieben Uniformen in dreißig Metern Distanz, die belanglosen Standardfragen, die spürbare Unlust auf der Gegenseite. Wer in eine solche Schmierenkomödie geraten ist, hat unser aller Mitgefühl.
Du hattest offenbar deinen Spaß daran, das Drehbuch eigenmächtig zu zerreißen. Mir persönlich liegt ein anderer Stil näher – auch ich habe mein eigenes kürzestes Bewerbungsgespräch beendet, aber eher mit einem klaren Wort als mit einer aufgeknallten Pointe.
Aber das ist Geschmackssache. Manche schließen eine verlorene Partie mit einem Augenzwinkern, andere mit einem klaren Satz. Beides bringt einen aus dem Raum – nur eben mit unterschiedlichen Geschichten im Gepäck.
Pragmatische Grüße ins Ruhrgebiet
Ron
Miriam · 31. Mai 2026 um 19:23
Lieber Ron, ich hätte wahrscheinlich genauso wie du gehandelt. Denn wer mich nicht respektvoll und wertschätzend in einem VORSTELLUNGSGESPRÄCH behandelt, der hat meine Wertschätzung und erst recht nicht meinen Respektv verdient. Was viele Personaler nämlich gerne vergessen, bei einem Gespräch lernt auch der Bewerber das Unternehmen kennen. Mittlerweile ist es ja auch nicht mehr so, dass Firmen aus den Vollen schöpfen können. Der Arbeitsmarkt hat sich gedreht, was allerdings noch nicht bei allen angekommen ist. Ich hoffe, du hast trotzdem deinen Traumjob noch gefunden. GLG Miriam
Ron Vollandt · 1. Juni 2026 um 11:59
Liebe Miriam,
wer einen Bewerber nicht respektvoll behandelt, hat schon im Gespräch verraten, wie er später als Vorgesetzter agieren würde. Im Gespräch lernt nicht nur die Firma den Bewerber kennen, sondern auch der Bewerber die Firma. Und der Arbeitsmarkt hat sich gedreht – nur leider verbreitet sich diese Information unter Personalern offenbar mit der Geschwindigkeit eines Faxes aus den frühen Neunzigern (sorry, mein Running-Gag).
Genau diese Asymmetrie ist es ja, die den meisten Bewerbungsritualen ihre seltsame Schräglage gibt. Beide Seiten bewerben sich eigentlich – nur eine Seite hat das offenbar noch nicht mitbekommen.
Selbstbewusst-bewerbende Grüße
Ron