Rabatt nur für Mitglieder

Im Urlaub in Tschechien habe ich einmal einen Supermarkt mit einer einzigen Flasche Wasser verlassen – aus Protest gegen einen Rabatt. Geplant war eigentlich ein ordentlicher Einkauf, einer von der Sorte, bei der ich an der Kasse elektronisch bezahlen muss, weil ich schlicht und ergreifend nicht so viel Bargeld dabeihabe.

Das Problem waren die Preisschilder. An fast jedem Artikel hingen zwei, oben der Preis für alle und darunter, deutlich freundlicher, der Preis für Mitglieder. Mitglied wurde, wer eine Kundenkarte besaß, und dafür hätte ich mich registrieren müssen, für einen einzigen Einkauf in einem Land, das ich ein paar Tage später wieder verlassen würde. Ich stand also vor dem Regal und rechnete, allerdings nicht in Kronen, sondern in Prinzipien. Wenn alle anderen weniger zahlen, zahle ich mehr, und zwar nur deshalb, weil ich für einen Einkauf nicht Mitglied in irgendetwas werden will. Bei so etwas bin ich wirklich prinzipientreu: Das sah ich nicht ein. Also gab es nur Wasser.

Ökonomisch war das natürlich Unsinn. Ob der Mitgliederpreis ein Rabatt ist oder der Normalpreis ein Aufschlag, macht rechnerisch keinen Cent Unterschied, gefühlt aber einen gewaltigen. Der Verhaltensökonom Richard Thaler hat schon 1980 beschrieben, warum: Ein entgangener Rabatt fühlt sich an wie ein verpasster Gewinn, ein Aufschlag dagegen wie ein Verlust, und Verluste mögen wir überhaupt nicht.

Dabei bin ich im Grunde ein Schnäppchenjäger. Nur greife ich nicht bei jedem Schnäppchen zu: Mal falle ich rein, mal nicht, und nach welchem System das läuft, habe ich bis heute nicht durchschaut. Ich möchte dazu ein paar Anekdoten aus meinem Leben teilen … und mein Kühlschrank hat am Ende auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Nie wieder Lieblingsjoghurt

Ich sollte gestehen, dass ich mich für einen gewieften Kunden halte. Nicht laut und nicht beschwerdefreudig, eher von der stillen Sorte, die vor dem Kühlregal steht und länger über einen Joghurt nachdenkt, als es dem Joghurt guttut.

Zum Beispiel, wenn eine Sorte als limitiert angepriesen wird. Winteredition, nur für kurze Zeit, solange der Vorrat reicht. Die Idee dahinter ist alt und gut erforscht: 1975 ließen drei Psychologen ihre Versuchspersonen Kekse aus zwei gleichen Gläsern bewerten, in einem lagen zehn Stück, im anderen nur zwei. Die Kekse aus dem fast leeren Glas schnitten besser ab, obwohl es dieselben Kekse waren.

Bei mir funktioniert das umgekehrt. Den limitierten Joghurt kaufe ich nicht, ich probiere ihn nicht einmal, denn was wäre, wenn er wirklich gut schmeckt? Dann hätte ich einen neuen Lieblingsjoghurt, den es in ein paar Wochen nicht mehr gibt, und müsste fortan mit dem Wissen leben, dass irgendwo einmal ein besserer im Regal stand. Ein Joghurt, den ich nie hatte, kann mir auch nicht fehlen. Die Werbung nennt es Knappheit, ich nenne es Selbstschutz.

Rabatt im Dreierpack

Mit Mengenrabatten habe ich ein ähnlich verkrampftes Verhältnis. Drei zum Preis von zwei, das Schild hängt an Zahnpasta, Duschgel und Nudeln, und es soll mich freuen. Brauche ich aber nur eine Tube, passiert etwas Merkwürdiges: Sobald ich sie aus dem Regal nehme, fühlt sie sich teurer an als vorher. Ich stehe mit einem einzelnen Produkt in der Hand da und komme mir vor wie jemand, der draufzahlt, also lege ich es zurück.

»Dann eben drei nehmen!«, höre ich es an dieser Stelle rufen. Schon richtig. Nur hätte ich dann zwei Tuben gekauft, die ich nicht brauche, bloß damit mich die eine nicht ärgert, die ich brauche – und das kommt mir noch merkwürdiger vor. Eigentlich soll das Dreierangebot ja nur den Maßstab verschieben, und zwar so lange, bis der ganz normale Preis wie ein schlechtes Geschäft aussieht, obwohl er gestern noch völlig in Ordnung war.


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Gegen eine andere Masche bin ich wenigstens halbwegs gewappnet. Ich habe die echten Angebotspreise im Supermarkt so einigermaßen im Kopf (warum mein Gedächtnis ausgerechnet dafür Platz hat, ist mir selbst ein Rätsel), und wenn eine Tafel Schokolade von 1,99 Euro auf 1,49 Euro »reduziert« wird, weiß ich, dass es sie bei richtigen Aktionen schon für 89 Cent gab. Aufgeblasene Ausgangspreise heißen im Handel Mondpreise, ein Wort, das in meiner Liebeserklärung an die deutsche Sprache gut aufgehoben gewesen wäre. Seit Mai 2022 müssen Händler bei jeder beworbenen Preissenkung immerhin den niedrigsten Preis der letzten dreißig Tage angeben. Der Gesetzgeber hat also ein Gedächtnis von genau dreißig Tagen. Meins reicht, zumindest bei Schokolade, deutlich weiter – über dreißig Jahre, bis zurück in die D-Mark-Zeit.

Zwanzig Prozent auf alles

Bei einem Baumarkt aus den Nullerjahren lag die Sache genau andersherum. Er bot regelmäßig zwanzig Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment, und zwar so regelmäßig, dass ich dort zu normalen Zeiten gar nichts mehr kaufen wollte. Wozu auch? Die nächste Aktion kam so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Normalpreis war für mich zu einer Art Strafgebühr für Ungeduldige geworden, und wer nicht gerade einen Wasserrohrbruch hatte, konnte warten.

Diese Baumarktkette verkündete das jahrelang in Dauerschleife, wollte 2011 eigentlich davon loskommen, grub die Rabattspots Anfang 2013 doch wieder aus und meldete im Sommer desselben Jahres Insolvenz an. Wer seine Kundschaft einmal an Dauerrabatte gewöhnt hat, kommt aus der Nummer offenbar nicht mehr heraus, weder mit Rabatt noch ohne. Eine große amerikanische Kaufhauskette hat es ohne versucht. Sie strich 2012 fast alle Rabattaktionen und Coupons, setzte auf dauerhaft niedrige Preise, worauf die Kundschaft wegblieb und der Umsatz um ein Viertel einbrach. Der Chef musste im Frühjahr 2013 gehen. Er hieß übrigens Ron, und ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich damit nichts zu tun habe.

Acht Euro hinter Gittern

Bis hierhin war ich derjenige, der sich gegen Rabatte gewehrt hat. Der Versuchung, bei Bonusprogrammen mitzumachen, konnte ich allerdings noch nie widerstehen, da sammle ich brav mit. Und nun wehren sich die Rabatte gegen mich.

Bei einem der großen Bonusprogramme wurde neulich mein Konto gesperrt, einfach so, und warum, weiß ich bis heute nicht. Ich rief an, hing in der Warteschleife, erklärte mein Anliegen und erfuhr, mein Konto sei nun wieder freigeschaltet. Ich legte auf, versuchte mich anzumelden und war erneut ausgesperrt. Das Spiel wiederholte sich: Warteschleife, Erklärung, Freischaltung, Auflegen, Ausgesperrtsein. Irgendwann hieß es, das werde jetzt persönlich geklärt. Einige Tage später meldete sich tatsächlich jemand, und seitdem komme ich wieder an mein Guthaben. Es beträgt – Trommelwirbel – ungefähr acht Euro.

Zum Abschied bekam ich noch den Rat, die Zwei-Faktor-Authentifizierung zu aktivieren, damit mir nichts gestohlen werde. Bei jeder Anmeldung also ein zweiter Code aufs Handy, das Sicherheitsniveau eines Onlinebankings für den Gegenwert eines Döners, Stand Herbst 2026. Sicherheitsfachleute würden mir hier vermutlich widersprechen, und vermutlich zu Recht. Ich frage mich trotzdem, warum das alles so kompliziert sein muss. Reich werde ich so jedenfalls genauso wenig wie mit meinem Plan zum Reichwerden in der S-Bahn. Der scheiterte an meinen musikalischen Fähigkeiten … und die bräuchte ich hier nicht einmal.

Windeln für alle Fälle

In der App einer Drogeriemarktkette wird das Sparen dann zur Fleißarbeit. Dort warten gefühlt hundert Coupons darauf, einzeln aktiviert zu werden, für alles, was eine Drogerie so hergibt, von Shampoo bis Windeln. Ich aktiviere grundsätzlich alle, auch die Windeln, obwohl ich keine brauche. Wer weiß, vielleicht lauert irgendwo ein Kombinationsrabatt, der sich nur demjenigen erschließt, der wirklich alles freigeschaltet hat.

Letzte Woche hat es trotzdem nicht geklappt. Alles aktiviert, alles gescannt, und an der Kasse kein vollständiger Abzug. Ich habe dem Kundenservice geschrieben, zugegeben auch deshalb, weil ich ahnte, dass sich daraus eine Geschichte machen lässt, und alles geschildert, samt Kundennummer. Zurück kam die Bitte, noch den Kassenbon nachzureichen, also schickte ich den Kassenbon hinterher. Am Ende wurde der Fehler anerkannt und mir der Betrag gutgeschrieben, aus Kulanz. Kulanz ist ein schönes Wort, es bedeutet ungefähr: Wir haben den Fehler gefunden, verpflichtet sind wir trotzdem zu nichts. Ob er inzwischen behoben ist, weiß ich nicht.

Ökonomen sehen in Coupons übrigens kein Geschenk, sondern ein Sieb. Preisdifferenzierung heißt das Prinzip, dieselbe Ware kostet unterschiedlich viel, und die Kundschaft sortiert sich selbst. Wer die Zeit hat, sich durch hundert Coupons zu klicken, zahlt weniger, wer sie nicht hat, zahlt voll. Ich habe den Test also bestanden, bin mir aber nicht sicher, ob das ein Kompliment ist.

Gutscheine haben bei mir ohnehin eine durchwachsene Bilanz. Der einzige, der je nachhaltig gewirkt hat, war ein fast abgelaufener, mit dem ich einem Freund ein Tütchen Chilisamen geschickt habe. Das Ergebnis wuchert heute als Chilizucht über einen ganzen Balkon.

Die Mücke leuchtet heller

Wer fleißig Punkte sammelt, darf sie irgendwann gegen Prämien eintauschen, und genau das habe ich einmal getan. Ausgesucht hatte ich mir Solarleuchten zum Einstecken in die Erde, Markenware wohlgemerkt, angepriesen mit einem Lichtschein, der mir nachts zuverlässig den Weg weisen sollte.

Die Wirklichkeit war bescheidener. Die Stäbe leuchten so schwach, dass sogar eine vorbeifliegende Mücke im Licht der Straßenlaterne heller zu scheinen scheint. Eine gewöhnliche Kerze bringt es auf rund zehn Lumen; was meine Leuchtstäbe schaffen, habe ich nicht gemessen, mein Verdacht geht aber eher in Richtung Glühwürmchen, und zwar eines, das schon Feierabend hat.

Bildplatzhalter (wird in den nächsten Tagen noch ersetzt):
Solarleuchten-bei-Nacht.jpg
Alt-Text: »Solarleuchten im Beet bei Nacht, kaum sichtbare Lichtpunkte«
Bildunterschrift: »Beweisfoto. Die Lichtpunkte bitte selbst suchen.«

Zurückgeben ließ sich die Prämie nicht ohne Weiteres, also habe ich darauf verzichtet und mir nur gedacht: Meine Güte, was habe ich mir da wieder für billigen Grusch ins Haus geholt.

Der Euro des Anstoßes

Bleibt die Königsdisziplin, die Geld-zurück-Aktion. Im Supermarkt hing einmal ein Hinweis, nach dem Kauf eines bestimmten Produkts könne ich den Kassenbon online hochladen und bekäme einen Euro erstattet. Gesagt, getan, dachte ich.

Das Formular erwies sich als kleine Wissenschaft. Hochzuladen war nicht nur der Bon, einzutragen waren auch die Bonnummer, die Kennung der Filiale und etliche weitere Angaben, die ich auf dem Kassenzettel erst einmal suchen musste. Dazu kam die Bankverbindung, ein Antrag also, der sich hinter einem Schreiben der Rentenversicherung nicht zu verstecken braucht. Ich habe alles ausgefüllt, alles geprüft und auf Absenden gedrückt. Dann erfuhr ich, für heute sei die Höchstzahl eingereichter Kassenbons leider erreicht, ich könne es morgen erneut versuchen.

Morgen, ausgerechnet. Normalerweise bin ich derjenige, der die Kunst des Aufschiebens nicht nur beschreibt, sondern auch beherrscht. Diesmal hat das Formular den Job für mich übernommen, und zwar erst, nachdem ich alles eingetragen hatte. Wer so eine Aktion anbietet, kann ziemlich sicher sein, dass ein Teil der Berechtigten unterwegs aufgibt. Je umständlicher das Formular, desto günstiger die Aktion, nur eben nicht für die Kundschaft.

Arbeit gegen Rabatt

Mit den Rückvergütungen im Internet ist es nicht anders. Ich freue mich auf das Geld, und wenn es nicht kommt, beginnt das Nachhaken, also Nachweise suchen, Fristen prüfen, Nachrichten schreiben, Antworten abwarten und wieder von vorn. Als hätte ich den ganzen Tag nichts anderes zu tun.

Der Soziologe G. Günter Voß und die Psychologin Kerstin Rieder haben dafür schon 2005 einen Begriff geprägt, der seither nur treffender geworden ist: der arbeitende Kunde. Gemeint sind Leute wie ich, die nach und nach Aufgaben übernehmen, die früher Angestellte erledigt haben, vom Möbelaufbau über die Selbstbedienungskasse bis zum Kassenbon-Upload. Bezahlt wird diese Arbeit in Rabatten, und zwar schlecht. Selbst wenn ich für mein Ein-Euro-Formular nur fünf Minuten veranschlage, was bei dieser Wissenschaft sehr großzügig gerechnet ist, komme ich auf zwölf Euro die Stunde. Der Mindestlohn liegt höher.

Dabei wünsche ich mir eigentlich nur etwas sehr Altmodisches. In einen Laden gehen, etwas aus dem Regal nehmen und an der Kasse den Rabatt abgezogen bekommen, ohne Karte, ohne App, ohne Konto, ohne Bon-Upload und ohne Rückruf, der erst in ein paar Tagen kommt.

Und genau so einen Laden gibt es. Er liegt bei mir um die Ecke, und das ist das eigentliche Problem.

Fünf Packungen Käse

Der Supermarkt um die Ecke gibt auf Restposten dreißig Prozent Rabatt auf den regulären Preis. Keine Karte, keine App, kein Coupon, kein Formular, nur ein Aufkleber und ein Abzug an der Kasse. Die Preise sind dann wirklich unschlagbar, und ich greife zu, ohne lange nachzudenken, was bei mir einiges heißen will.

Zu Hause stellte ich dann fest, dass fünf Packungen Käse doch ein äußerst ambitioniertes Vorhaben waren.

Erst beim Schreiben dieser Zeilen ist mir aufgefallen, was da eigentlich passiert war. Ein Restposten ist ja nichts anderes als eine limitierte Sorte mit schlechterem Marketing, denn wenn er weg ist, ist er weg. Derselbe Mann, der keinen limitierten Joghurt probiert, weil er ihn hinterher vermissen könnte, kauft fünf Packungen Käse, weil er hinterher das Angebot vermissen könnte. Es ist dieselbe Verlustangst, sie führt nur einmal zum Verzicht und einmal zum Hamstern, und viele Wissenschaftler und Forscherinnen hätten an mir vermutlich ihre helle Freude gehabt. Die Kekse im fast leeren Glas haben mich also doch erwischt, nur eben im Kühlregal.

Was ich daraus lerne? Dass ich gegen Rabatte keineswegs immun bin. Mal falle ich rein, mal nicht … und am zuverlässigsten erwischt mich ausgerechnet der Rabatt, für den ich nichts tun muss. Vielleicht ist ohnehin nicht der Rabatt das Problem, sondern der Apparat, der um ihn herum gewachsen ist, mit Karten, Apps, Konten, Codes und Formularen, bis das Sparen zu einem Nebenjob geworden ist, den niemand bezahlt. Ein Rabatt, der einfach an der Kasse abgezogen wird, ist dagegen fast schon ein Akt der Höflichkeit.

Zu Risiken und Nebenwirkungen gibt der Kühlschrank Auskunft.


Verwendete Quellen: Wer tiefer einsteigen möchte: Die Verlustaversion, die Preisdifferenzierung und der Lichtstrom einer Kerze finden sich bei Wikipedia, was es mit Mondpreisen und der 30-Tage-Regel auf sich hat, erklärt die Verbraucherzentrale Hamburg, und den arbeitenden Kunden hat die TU Chemnitz vorgestellt — ich habe auch nachgeschaut [Links führen zu Wikipedia, zur Verbraucherzentrale Hamburg und zur TU Chemnitz].

© Ron Vollandt · Weitere Fundstücke aus meinem Alltag


Ron Vollandt

Ich schreibe seit Jahren über das, was zwischen Wartezimmer, Senfregal und Sonntagskaffee so passiert: die kleinen Absurditäten des Alltags, denen man entweder mit Verzweiflung oder mit Humor begegnen kann. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Hier gibt es süffisante Geschichten, pointierte Beobachtungen und gelegentlich einen Schuss Selbstironie – serviert mit einem Augenzwinkern und einer Portion Konfetti.

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