Falsch gehört, richtig gedacht

Musik ist mein täglicher Begleiter: das Küchenradio am Morgen, die Autofahrt, gelegentlich sogar in der S-Bahn. Letzteres allerdings meistens dann, wenn mein Sitznachbar seine Kopfhörer auf volle Dezibel aufgedreht hat.

An einem dieser Tage ist es mir neulich wieder passiert. Es war ein Dienstag. Der Kaffee wurde an meinem Schreibtisch kalt, während ich vertieft an der nächsten Anekdote saß. Draußen tat das Wetter so, als überlege es noch, wie es sich heute präsentieren möchte… und aus den Boxen lief nebenbei Musik.

Der Bube kommt nicht

Und dann, mitten hinein: ein Pokerspiel. Ich stellte mir unwillkürlich die ganze Szene vor – Hochspannung am Tisch, jemand, der alles gesetzt hat und es genau weiß. Und diese eine verfluchte Karte, die nicht kommt. Der Bube. Nie der Bube.

»It’s the Rolling Jack«, sang da jemand. Zumindest in meiner Fassung.

Was tatsächlich gesungen wurde, habe ich nachgeschlagen. Der Song heißt tatsächlich »Hit the Road Jack« und der Rest lässt sich erahnen. Mit einer Pokerrunde hat das nichts zu tun – aber eine Erklärung liefert es doch: Jack ist auf Englisch nicht nur ein Name, sondern auch die Spielkarte, die hierzulande Bube heißt. Mein Gehirn hat sich also nicht komplett etwas ausgedacht. Es hat nur das falsche Wörterbuch aufgeschlagen.

Erstaunlich ist nicht das Verhören. Erstaunlich ist, wie vollständig es war: kein Wortfetzen, keine vage Ahnung – eine komplette Szene, mit Beleuchtung, Nebenfiguren und Cliffhanger. Und, das sei schon jetzt verraten: nicht das letzte Mal.

Für so etwas gibt es einen Fachbegriff. Und damit befindet man sich, bei allem Peinlichkeitspotenzial, in ausgezeichneter Gesellschaft.

Eine Dame, die nie existierte

Der Begriff lautet Mondegreen. Wer ihn noch nie gehört hat, gehört zur beruhigend großen Mehrheit. Ich selbst habe das Phänomen rund dreißig Jahre betrieben, bevor ich erfuhr, dass es einen Namen trägt. Erst die Praxis, dann die Theorie.

Erfunden hat das Wort die amerikanische Autorin Sylvia Wright, 1954, in einem Essay für das Harper’s Magazine. Als Kind hörte sie eine schottische Ballade über den ermordeten Earl of Moray – und darin starb, so glaubte sie, noch eine zweite Person: Lady Mondegreen. Eine tragische Frauenfigur, die dem Earl in den Tod folgte. Jahrelang hat Wright sie sich ausgemalt: blass, tapfer, im Gras liegend.

Tatsächlich lautet die Zeile »and laid him on the green«. Man hatte den Earl schlicht ins Gras gelegt. Lady Mondegreen hat nie gelebt.

Bemerkenswert ist aber nicht der Irrtum, sondern was Wright damit angestellt hat. Sie hat ihre falsche Version nicht stillschweigend entsorgt, nachdem man sie aufgeklärt hatte. Sie hat ihr einen Namen gegeben. Eine Haltung zum eigenen Fehler, die man in freier Wildbahn selten antrifft.

Always Take Me Twice

Genützt hat die Erkenntnis übrigens herzlich wenig. Es gibt noch ein Lied, das »Trick Me Twice« heißt. So steht es zumindest geschrieben. Gehört habe ich, über Jahre und mit vollkommener Selbstverständlichkeit: Always Take Me Twice.

Tückisch daran ist, dass es funktioniert. Es klingt nicht nur ähnlich, es ergibt einen tadellosen englischen Satz. Und wer einen fertigen Satz hört, hinterfragt ihn nicht. Man hinterfragt Rauschen, keine Grammatik.

Also bekam die Sache Bedeutung. Eine Bitte, eine Aufforderung, je nach Tageszeit eine Forderung. Da wünscht sich jemand einen zweiten Anlauf – was auf erschreckend viele Konstellationen passt. Eine gewisse Süffisanz habe ich in den Satz zusätzlich hineininterpretiert, die dort so gar nicht steht. Nennen wir es Berufskrankheit.

Bleibt die Interpretationsleistung: Aus einem Lied über Betrug wurde eines über Rückkehr. Gemerkt hat es niemand. Ich am allerwenigsten.

Agathe Bauer greift ein

Damit steht dieses Land nicht allein. Deutschland hat sogar eine Nationalheldin des Verhörens hervorgebracht, und sie heißt Agathe Bauer.

Entstanden ist sie aus einem Dance-Hit der frühen Neunziger, in dessen Refrain jemand auf Englisch verkündet, er verfüge über Macht. Das deutsche Ohr hörte einen Frauennamen und blieb dabei. Radiosender bauten daraus ganze Sendeformate. Verdient hat sie es sich.

Ihre stille Kollegin heißt Anneliese Braun und wohnt im Kalifornien-Klassiker der Mamas and the Papas, dort, wo im Original bloß das Laub braun wird.

Eine Sonderstellung nimmt Herbert Grönemeyer ein: Bei ihm entstehen Mondegreens nicht trotz, sondern wegen der gemeinsamen Muttersprache. Ein Mann singt Deutsch, ein Land hört Deutsch, heraus kommen drei Millionen Textfassungen. Das ist jetzt keine Kritik, eher Volkskunst.

Tony Danza, Elton Johns Muse

Wer glaubt, das treffe nur jene, deren Englisch den Ärmelkanal nie ganz überquert hat, unterschätzt die Gleichmut des Gehirns. Muttersprachler erwischt es genauso.

Elton John besingt in »Tiny Dancer« eine kleine Tänzerin. Ein beachtlicher Teil Amerikas hörte jahrelang: Tony Danza. Ein Sitcom-Schauspieler, der mit dem Lied nicht das Geringste zu tun hat.

Creedence Clearwater Revival warnen in »Bad Moon Rising« vor einem heraufziehenden Unheilsmond. Gehört wurde, massenhaft: There’s a bathroom on the right. Aus Prophezeiung wird Wegbeschreibung. Für einen langen Roadtrip ist Fassung zwei die brauchbarere.

Und Jimi Hendrix, der in »Purple Haze« eigentlich den Himmel küssen wollte, küsst in der Volksfassung seit Jahrzehnten den Herrn neben sich – so hartnäckig, dass eine ganze Website danach benannt wurde.

Warum das Gehirn dichtet

Man könnte erwarten, dass ein Gehirn, das etwas nicht versteht, dies auch so meldet. Keine Information, bitte warten. Tut es aber nicht. Es verabscheut Lücken derart, dass es lieber falsch antwortet als gar nicht.

Die Wahrnehmungspsychologie nennt das phonemische Restauration: Ersetzt man in einer Aufnahme eine Silbe durch ein Husten, hören Versuchspersonen das fehlende Stück trotzdem. Sauber, deutlich, nicht vorhanden. Das Ohr liefert Rohmaterial, das Gehirn die Reinschrift – und die enthält gelegentlich Passagen, die im Original fehlen.

Dazu kommt die Top-down-Verarbeitung: Erwartung schlägt Signal. Wer eine Sprache nur halb beherrscht, hat mehr Leerstellen und damit mehr Spielraum. Halbwissen ist die produktivste aller Wissensformen. Nur nicht die zuverlässigste.

Das Gehirn arbeitet nicht wie eine Suchmaschine, die bei null Treffern höflich schweigt, sondern wie ein Autor mit Abgabetermin. Lücke im Manuskript? Wird gefüllt. Notfalls mit Agathe Bauer.

Major Tom tanzt mit

Es gibt eine zweite, subtilere Variante: nicht das falsche Hören, sondern das richtige Hören bei falschem Verstehen. Gesellschaftlich ist sie weitaus folgenreicher.

Beispiel eins: Major Tom. Auf jeder Hochzeit, jedem Schützenfest, jedem Betriebsjubiläum ab dem dritten Getränk steigt eine ganze Halle in den Refrain ein. Völlig losgelöst, Arme in der Luft, Ekstase. Gefeiert wird dabei ein Mann, der die Verbindung zur Erde verliert und nicht zurückkommt. Das ist kein Partylied, das ist ein Abschied im Weltall. Aber es hat diesen Refrain, und der Refrain gewinnt jedes Argument.

Beispiel zwei: »Griechischer Wein«. Am Ballermann ein Gassenhauer, geschunkelt wird bis zum Sonnenbrand. Inhaltlich geht es um Gastarbeiter, die abends beisammensitzen, Heimweh haben und nicht wissen, ob sie je zurückkehren. Entwurzelung, gesungen von Menschen im Urlaub – oder gleich drei Mal hintereinander in der Karaoke-Bar.

Beispiel drei: »Every Breath You Take«, seit Jahrzehnten beliebtester Hochzeitstanz der westlichen Welt, obwohl der Text die Perspektive eines Mannes einnimmt, der eine Frau lückenlos überwacht. Sting hat das mehrfach richtiggestellt. Genützt hat es nichts. Man tanzt weiter, verliebt, zu einem Stalking-Protokoll in Moll.

Und… Springsteens »Born in the U.S.A.«, eine Abrechnung mit dem Umgang der Nation mit ihren Vietnam-Veteranen, wäre 1984 fast zur Wahlkampfhymne geworden. Die Strophen waren Anklage, der Refrain war eine Fahne. Der Refrain hat gewonnen.

Daraus lassen sich zwei Dinge lernen. Erstens: Die Melodie schlägt den Text. Immer. Zweitens: Kollektives Missverstehen ist keine Frage der Bildung, sondern der Lautstärke und des Refrains.

Céline Dion, Herzchirurgin

Und dann ist da »My Heart Will Go On«.

Man kennt Film, Szene und die bis heute ungeklärte Frage der Türkapazität. Gemeint ist das Lied als Liebe, die den Tod überdauert. Metapher, klarer Fall, alle weinen, alles richtig.

Nur: Was, wenn man es wörtlich nimmt?

Ein Herz, das buchstäblich weitergeht. In einem anderen Brustkorb, bei einem anderen Menschen. Das ist keine Metapher mehr, das ist Transplantationsmedizin. Plötzlich singt da kein trauerndes Mädchen, sondern eine Empfängerin, die sich fragt, wem dieser Herzschlag eigentlich gehört.

Es gibt tatsächlich Berichte von Transplantierten, die nach dem Eingriff Vorlieben entwickeln, die vorher nicht die ihren waren: Speisen, Musik, gelegentlich Erinnerungsfetzen. Die Fachwelt nennt das Zelluläre-Gedächtnis-Hypothese und hält zugleich Abstand – die Studienlage ist dünn, die Erklärungen reichen von Medikamentennebenwirkungen bis zur Erwartungshaltung. Wissenschaftlich: mit Vorsicht zu genießen. Menschlich: schwer aus dem Kopf zu bekommen.

Das Original bleibt das Original. Aber die Transplantationsfassung ist konkreter, körperlicher, seltsamer – und für mich, ganz ehrlich, die bessere Geschichte.

Leiser werden, angekommen sein

Ein letztes Beispiel, ein leiseres (kleiner Kalauer). Es gibt ein Lied namens »Leiser«. Darin heißt es sinngemäß, alle fänden, man sei zu still geworden, sobald ein bestimmter Mensch in der Nähe ist.

Die naheliegende Deutung drängt sich auf: Da macht sich jemand klein. Das Leiserwerden als Rückzug, als allmähliches Verschwinden der eigenen Stimme. Wie dramatisch, dachte ich zuerst – diesen armen Menschen muss man doch auffangen.

Aber die Melodie erzählt etwas anderes. Wer nicht nur auf die Worte achtet, sondern auf den Ton dahinter, hört: kein Schmerz. Ankommen.

Leiser werden, weil nichts mehr zu beweisen ist. Weil die Energie, die sonst nach außen geht – die Lautstärke, das permanente Bespielen des Raumes –, bei diesem einen Menschen nicht gebraucht wird. Vermutlich die intimste Form von Vertrauen, die es gibt.

Zwei Deutungen, ein Text. Die Frage ist nicht, welche stimmt. Die Frage ist, welche Melodie im Hintergrund läuft. Auch das kennen wir ja schon vom Major Tom: Welche Version am Ende gewinnt, hat mit der korrekten Lesart oft herzlich wenig zu tun.

Der Tod des Autors

In der Literaturwissenschaft hält sich eine Idee, die Verlage nervös und Autoren unleidlich macht: Sobald ein Text in der Welt ist, gehört er nicht mehr dem, der ihn schrieb. Er gehört denen, die ihn lesen. Oder hören. Oder verhören.

Roland Barthes hat das 1967 in einem kurzen Essay festgehalten – »Der Tod des Autors«. Die These, unelegant zusammengefasst: Was ein Text bedeutet, entscheidet sich beim Lesen, nicht beim Schreiben.

Das klingt akademisch – und ist es auch ein wenig. Hat aber eine hübsche Folge: Das Pokerspiel mit dem ausbleibenden Buben ist eine legitime Lesart. Always Take Me Twice eine schöpferische Leistung. Und die Herztransplantation bei Céline Dion erweitert das Lied um eine Dimension, die nie vorgesehen war.

Der Bube hat Würde

Mondegreens entstehen aus Lücken. Aus Klang ohne vollständige Bedeutung, aus einer Melodie, deren Text nie richtig angekommen ist. Das Gehirn erträgt diese Lücken nicht und füllt sie mit dem, was gerade da ist.

Manchmal ist das albern. Manchmal besser als das Original. Und manchmal entsteht daraus eine Geschichte, die trägt. Keine richtige. Keine falsche. Eine menschliche eben.

Und wer findet, ein Pokerspiel mit ausbleibendem Buben sei keine ausreichende Grundlage für eine musikalische Interpretation, dem sei höflich entgegnet: Auch der Bube hat seine Würde. Irgendwann kommt er schon. Vielleicht beim nächsten Lied.

Wer an dieser Stelle schon Gefallen an den Untiefen der deutschen Sprache gefunden hat, wird anderswo auf diesem Blog noch ausgiebiger fündig – dort geht es nicht ums Verhören, sondern ums Verheddern in über hundert Redewendungen.


Linktipp: Wer tiefer einsteigen möchte: Mondegreen und Agathe BauerDer Tod des Autors und die Zelluläre-Gedächtnis-Hypothese finden sich bei Wikipedia, warum das Gehirn ständig Lücken füllt hat Spektrum der Wissenschaft aufgeschrieben — ich habe auch nachgeschaut [Links führen zu Wikipedia oder Spektrum].

© Ron Vollandt · Weitere Fundstücke aus meinem Alltag


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Ron Vollandt

Ich schreibe seit Jahren über das, was zwischen Wartezimmer, Senfregal und Sonntagskaffee so passiert: die kleinen Absurditäten des Alltags, denen man entweder mit Verzweiflung oder mit Humor begegnen kann. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Hier gibt es süffisante Geschichten, pointierte Beobachtungen und gelegentlich einen Schuss Selbstironie – serviert mit einem Augenzwinkern und einer Portion Konfetti.

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