Die seltsamen Launen des Universums

So wie mir geht’s bestimmt einigen: Zahlreiche Abschlüsse in der Tasche, der Lebenslauf liest sich wie eine mittelalterliche Heldenreise, zusätzlich gespickt mit Weiterbildungen und selbstverständlich jahrelanger Berufserfahrung. Und dann sitzt da dieser Typ im Meeting, der gerade mal weiß, wie man PowerPoint buchstabiert, aber dessen Onkel zufällig Geschäftsführer ist.

Willkommen in der schönen neuen Welt, in der Talent maßlos überschätzt und Glück systematisch unterschätzt wird – ein Irrtum, der sich hartnäckiger hält als Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken.

Die Wissenschaft ruiniert alles

Italienische Forscher – Alessandro Pluchino, Alessio Emanuele Biondo und Andrea Rapisarda von der Universität Catania – haben sich 2018 die Mühe gemacht, 40 Jahre menschlicher Karrieren zu simulieren. Tausende virtuelle Lebensläufe, unzählige Szenarien, vermutlich viel zu viel Kaffee. Das Ergebnis? Die erfolgreichsten Menschen waren nicht die talentiertesten. Nicht mal annähernd.

Sie waren einfach nur die mit dem besonderen Quäntchen Glück.

Moment… das stimmt doch nicht – hatten uns nicht jahrzehntelang alle erzählt, dass harte Arbeit sich auszahlt? Die 10.000-Stunden-Regel von Malcolm Gladwell? All diese motivierenden LinkedIn-Posts von selbsternannten Business-Coaches?

Tja. Die Wissenschaftler haben das mal nachgerechnet. Mit Mathematik. Der alte Feind aller schönen Geschichten. Das Ergebnis dürfte keine Überraschung mehr sein: Der fleißigste Kandidat endet statistisch gesehen im Mittelfeld. Der durchschnittlich talentierte, aber extrem glückliche Mensch hängt den Fleiß-Aspiranten ab – genauso wie ein Opel Corsa auf der Autobahn von einem Porsche abgehängt wird.

Wenn Schokolade alles verändert

1945 arbeitete Percy Spencer an Radartechnik für Raytheon. Das ist sicher für viele so spannend wie Steuererklärungen ausfüllen, doch plötzlich schmolz der Schokoriegel in seiner Tasche.

Anstatt sich über die Sauerei zu ärgern, dachte er: »Hm, interessant.« Und schwupps – die Mikrowelle war erfunden. Ein Gerät, das heute in jedem Haushalt steht und das Hauptwerkzeug verzweifelter Singles ist, die um drei Uhr nachts betrunken Tiefkühlpizza aufwärmen. Hätte der Mann an diesem Tag Kaugummi gekaut – oder hätte er einfach keine Süßigkeiten bei der Arbeit gehabt – würden wir heute noch Suppen auf dem Herd aufwärmen.

Das nennt sich dann wohl »bahnbrechende Innovation«.

Urlaub rettet Leben

Alexander Fleming war nicht besser. Der gute Mann machte 1928 Urlaub und vergaß, seine Petrischalen wegzuräumen. Als er zurückkam, hatte sich Schimmel breitgemacht und die Bakterien getötet. Penicillin. Millionen gerettete Leben. Dankeschön, Schludrigkeit.

Die Pointe? Hätte Fleming penibel aufgeräumt – wäre er ein »ordentlicher Wissenschaftler« gewesen – würden heute noch Menschen an simplen Infektionen sterben. Manchmal ist Faulheit der größte Innovationstreiber der Menschheitsgeschichte.

Steve Jobs? Der hatte einfach mal Bock auf einen Kalligraphie-Kurs am Reed College, nachdem er das Studium abgebrochen hatte. Jahre später wurde genau diese schöne Schrift zum Markenzeichen des Macintosh. Aber das lässt sich schlecht als »strategische Karriereplanung« in einem Bewerbungsgespräch verkaufen. Bei Jobs? Ist es eine Heldengeschichte. Weil es funktioniert hat. Weil er Glück hatte.

Die Januar-Verschwörung

Kanadische Forscher fanden heraus, dass die besten Eishockeyspieler des Landes überproportional oft im Januar, Februar oder März geboren waren. Nicht ein bisschen überproportional. Extrem überproportional.

Zufall? Natürlich nicht. Die Jugendligen hatten den Stichtag 1. Januar. Wer also im Januar geboren war, hatte fast ein Jahr Vorsprung vor den Dezember-Kindern. Der Unterschied zwischen einem Fünfjährigen und einem Fast-Sechsjährigen ist gewaltig. Der eine kann kaum einen Ball halten, der andere dominiert schon das Spielfeld.

Mehr Spielzeit vom Trainer. Bessere Förderung. Mehr Aufmerksamkeit. Und dann setzte der sogenannte Matthew-Effekt ein. Der Begriff stammt vom Soziologen Robert K. Merton aus dem Jahr 1968, benannt nach dem Bibelvers »Wer hat, dem wird gegeben«.

Als Agnostiker darf ich auch tollkühn sagen: Die Bibel wusste schon lange, dass das Leben ungerecht ist.

Ein kleiner, anfänglicher Vorteil – sagen wir, zehn Monate mehr Lebenszeit – führt zu besseren Chancen. Bessere Chancen führen zu mehr Übung. Mehr Übung führt zu messbarem Erfolg. Erfolg führt zu noch mehr Förderung. Und irgendwann, nach Jahren dieser selbstverstärkenden Spirale, glaubt der Januar-Junge selbst, er sei einfach »talentiert«.

Die Dezember-Kinder? Die sitzen auf der Ersatzbank. Die trainieren genauso hart. Die haben dieselben Träume. Aber die fragen sich, warum trotz allem Training nichts vorwärts geht.

Das Perverse daran? Niemand redet darüber. Lieber werden der »harte Weg nach oben«, die »Leidenschaft fürs Spiel« und die »natürliche Begabung« gefeiert. Interviews mit erfolgreichen Sportlern klingen immer gleich: »Ich habe immer an mich geglaubt, hab niemals aufgegeben.« Die Wahrheit – dass Mama und Papa im April statt im Juli aktiv waren – findet sich in keiner Sportbiografie. Klingt halt nicht so heroisch.

Der Gegenschlag

Aber jetzt wird es noch irrer: Spätere Studien fanden heraus, dass genau diese früh geborenen Spieler oft kürzer in den Profiligen bleiben. Die später im Jahr Geborenen, die es trotz aller Nachteile trotzdem schaffen – die überleben länger im System.

Und warum? Weil sie besser sein müssen und weil sie mehr Geschicklichkeit, mehr Technik, mehr Cleverness entwickeln müssen, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Die Januar-Kinder haben den einfacheren Einstieg. Aber die Dezember-Kinder, die paar wenigen, die es trotzdem schaffen? Die sind oft die wahren Talente.

Und wieder erkennen wir: Das Leben ist eine einzige kosmische Ironie.

Die Musik-Lotterie

Erinnerung an ein Gespräch mit einer Freundin, die jahrelang in der Musikindustrie gearbeitet hat. Ihre Erzählungen waren ernüchternd. Erfolg in diesem Geschäft hat etwa so viel mit Talent zu tun wie Autofahren mit Quantenphysik – es besteht ein theoretischer Zusammenhang, aber praktisch interessiert’s niemanden.

Eine Sängerin mit mittelmäßiger Stimme wird zum Weltstar, weil das richtige Demo bei der richtigen Plattenfirma landet. Und es noch ein guter Tag ist. Der Manager hatte vielleicht gerade Liebeskummer und der Song erinnerte ihn an seine Ex. Oder er hatte einfach Langeweile und dachte: »Ach, warum nicht?«

Drei Jahre später singt sie vor ausverkauften Stadien und alle denken: »Was für ein außergewöhnliches Talent!« Magazine schreiben Features über ihre »einzigartige Stimme«. Fans bekommen Gänsehaut. Kritiker schreiben Lobeshymnen.

Währenddessen gibt es tausende Sängerinnen mit objektiv besserer Stimme. Die bedienen in Cafés. Die putzen fremde Wohnungen. Die geben Gesangsunterricht an gelangweilte Hausfrauen, die nach drei Stunden aufgeben.

Warum? Weil der richtige Produzent nie getroffen wurde. Weil am Tag des wichtigen Castings eine Grippe im Weg war. Weil der Zug Verspätung hatte. Weil das Universum an diesem Tag beschlossen hat: »Nicht heute. Eigentlich auch nicht morgen. Nie, um genau zu sein.«

Talent ist der Eintritt

»Aber ein Minimum an Können muss doch vorhanden sein!« – höre ich die entrüsteten Stimmen. Ja, ein Minimum an Talent ist Voraussetzung. Ein absolutes Minimum. Die Einstiegshürde.

Aber Talent ist nur der Eintrittspreis. Nicht der Gewinn. Die italienischen Forscher haben das elegant formuliert: Talent ist notwendig, aber nicht hinreichend. Glück hingegen? Glück ist beides. Notwendig UND hinreichend.

Anders ausgedrückt: Ohne Mindesttalent geht nichts. Aber mit Mindesttalent plus Glück? Geht alles. Mit Höchsttalent ohne Glück? Geht gar nichts.
Die Formel lautet: Erfolg = Mindesttalent × Glück.
Multiplikation, nicht Addition. Wenn einer der Faktoren Null ist, ist das ganze Ergebnis Null.

Aber dazu jetzt keine weiteren Ausführungen mehr – nicht, dass noch jemand Gefallen an Mathematik findet.

Die Heldengeschichten-Lüge

Erfolgreiche Menschen erzählen gerne ihre Heldengeschichte. »Mein Weg nach oben«. »Von nichts zu allem«. »Wie ich es geschafft habe«. Die 14-Stunden-Tage werden betont. Die Rückschläge dramatisch inszeniert. Die Durchbrüche als »logische Konsequenz harter Arbeit« verkauft.

Was systematisch »vergessen« wird zu erwähnen: Dass der Vater zufällig einen Rechtsanwalt kannte, der wiederum einen Investor kannte. Dass im Wartezimmer zufällig die Schwester des einflussreichsten Produzenten saß und ein Gespräch entstand. Dass die Firma genau in dem Monat, als die Bewerbung einging, beschlossen hatte zu expandieren.

Das nennt sich dann bescheiden »Networking«. Oder »zur richtigen Zeit die Chance ergreifen«. Oder der persönliche Favorit: »Vorbereitung trifft auf Gelegenheit«. Klingt toll. Klingt nach Kontrolle.

In Wahrheit? Glück. Pures, unverdientes, willkürliches, kosmisches Glück.

Der Geburtsort-Jackpot

Fangen wir mal ganz am Anfang an: der Geburt selbst. Nicht, wer die Eltern sind – obwohl das natürlich auch eine Lotterie ist – sondern WO auf diesem chaotischen Planeten das Licht der Welt erblickt wird.

In Norwegen geboren? Gratulation! Gute Schulen. Funktionierende Gesundheitsversorgung. Stabile Demokratie. Funktionierender Sozialstaat. Okay, die Winter sind deprimierend dunkel, aber immer noch besser als… Somalia. Bürgerkrieg. Hunger. Keine Infrastruktur. Keine Schulen. Die Lebenserwartung liegt bei 55 Jahren – in Norwegen bei 83. Fast 30 Jahre Unterschied.

»Aber durch Fleiß kann doch alles erreicht werden!« – schreit die Stimme des amerikanischen Traums. »Vom Tellerwäscher zum Millionär!«

Nein. Kann es nicht. Der Economist Intelligence Unit hat das durchgerechnet – die Unterschiede bei Lebenserwartung, Einkommen, Bildungschancen sind nicht nur groß. Sie sind grotesk. Sie sind absurd.

Und das Absurdeste? Niemand hat sich seinen Geburtsort ausgesucht. Es ist der ultimative Zufall. Und er bestimmt praktisch alles, was danach kommt.

Warum niemand das hören will

Jetzt die Frage: Wenn das alles stimmt – und die wissenschaftlichen Belege sind erdrückend – warum glauben dann trotzdem gefühlt alle an harte Arbeit und Leistungsgerechtigkeit?

Lange Überlegung. Die Antwort ist so deprimierend wie vorhersehbar: Unser Gehirn hasst Zufall. Es hasst ihn mit einer Leidenschaft, die sonst nur für Montage reserviert ist.

Das menschliche Gehirn ist eine Mustererkennungs-Maschine. Es sucht verzweifelt nach Ursachen. Nach Erklärungen. Lieber eine falsche Erklärung als gar keine. Lieber eine beruhigende Lüge als die verstörende Wahrheit.

»Er ist reich, weil er klug ist.« Fühlt sich gut an. Macht Sinn. Ist eine klare Kausalkette. »Sie ist erfolgreich, weil sie fleißig ist.« Ebenfalls. Logisch. Nachvollziehbar.

Diese Erklärungen geben ein Gefühl von Kontrolle. Von Gerechtigkeit. Von: Wenn nur genug getan wird, kann das Schlimme verhindert werden. Das Problem: Die Realität ist deutlich chaotischer. Deutlich ungerechter. Und ehrlich gesagt auch beängstigender.

Denn wenn Erfolg hauptsächlich Glück ist, dann ist auch Scheitern oft einfach Pech. Unverdientes, willkürliches, kosmisches Pech. Das will niemand hören.

Die verborgene Zutat

Die meritokratische Kultur westlicher Gesellschaften wurzelt tief. Sie ist praktisch eine moderne Religion geworden, komplett mit Dogmen, Priestern (Karriereberatern) und Sündern (den »Faulen«, den »Erfolglosen«).

Aber die Mathematik sagt etwas anderes. Intelligenz und Talent zeigen eine Gaußsche Normalverteilung. Eine schöne Glockenkurve. Die meisten Menschen sind durchschnittlich. Symmetrisch. Vorhersehbar.

Die Verteilung von Wohlstand hingegen? Folgt einem Potenzgesetz. Dem Pareto-Prinzip. Wenige haben extrem viel, sehr viele haben fast nichts. Keine Glockenkurve. Eine absurde Verteilung, bei der ein Prozent mehr besitzt als die untere Hälfte zusammen.

Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass irgendeine verborgene Zutat am Werk ist. Irgendein X-Faktor, der nicht in den motivierenden LinkedIn-Posts auftaucht.

Die verborgene Zutat ist Glück. Systematisches, akkumulierendes, selbstverstärkendes Glück.

Das System verstärkt sich

Der Matthew-Effekt schafft Aufwärtsspiralen kumulativer Vorteile. Erfolg erzeugt weiteren Erfolg. Nicht linear, sondern exponentiell. Wer mit Vorteilen startet, sammelt immer mehr Vorteile an.

Das Gegenstück ist genauso real: Wer mit Nachteilen startet, sammelt immer mehr Nachteile an. Armut erzeugt mehr Armut. Spiralen nach unten sind genauso real wie Spiralen nach oben.

Das System verstärkt sich selbst. In beide Richtungen. Aber natürlich wird nur die eine Richtung gefeiert. Die andere? Die wird ignoriert, verdrängt, moralisiert. »Die haben halt nicht hart genug gearbeitet. Die sind selbst schuld.«

Kompletter, wissenschaftlich widerlegter, statistisch unhaltbarer Unsinn. Aber Unsinn, der das System legitimiert. Der die Gewinner gut fühlen lässt. Der den Verlierern die Schuld gibt.

Die bittere Pille

Was bleibt also? Von der Sekunde der Zeugung über den Geburtsort bis zum ersten Schultag ist jeder einzelne dieser Momente im Grunde Lotterie. Und aus dieser Lotterie werden dann Geschichten über »Leistung« und »Verdienst« gebastelt. Das System braucht diese Geschichten. Weil sie praktisch sind. Weil sie das System legitimieren.

Wenn Erfolg verdient ist, dann ist auch Misserfolg verdient. Dann muss nichts geändert werden. Dann ist alles fair.

Die Wahrheit: Das ist es nicht. War es nie. Wird es nie sein.

Und so passiert es, dass viele weiterhin 14-Stunden-Tage schieben, an das eigene »Erfolgsmindset« glauben und darauf hoffen, dass das Universum den Fleiß schon irgendwann belohnen wird.

Das letzte Wort

Beim nächsten Mal, wenn jemand vom »selbstgemachten Erfolg« schwärmt – einfach lächeln. Nicken. Und im Stillen daran denken: Der glückliche Mensch weiß wahrscheinlich gar nicht, wie viel Glück er hatte. Wie viele zufällige Faktoren zusammenkommen mussten.

Ist es zynisch? Ja. Ist es deprimierend? Absolut. Ist es wissenschaftlich belegt? Leider auch.

Aber hey, vielleicht ist das auch nur Pech. Vielleicht leben wir zufällig in dem Universum, in dem Glück über alles entscheidet. In einem Parallel-Universum gibt es vielleicht tatsächlich Gerechtigkeit und Meritokratie.

Nur leider leben wir nicht dort. Sondern hier. So ist das eben.


Verwendete Quellen:

© Ron Vollandt | Rons famose Gedankenwelt