Eine Lebensmetapher aus Stahl
Vor mehr als zwanzig Jahren schlich sich ein Bild in meinen Kopf. Ungebeten, unangekündigt – aber mit einer Hartnäckigkeit, die seither nicht nachlässt. Ich weiß noch ungefähr, dass es einer jener Momente war, in denen man verzweifelt nach einer Erklärung sucht, warum das Leben manchmal einfach macht, was es will – und man selbst einfach zuschaut.
Es hatte übrigens – das schwöre ich – definitiv nichts damit zu tun, dass ich kurz zuvor mit der Deutschen Bahn exakt 58 Minuten zu spät angekommen war. Jenes goldene Zeitfenster, das von der Bahn mit bewundernswerter Präzision konstruiert wurde: zu spät für alles, aber immer noch zu früh für eine Entschädigung. Reiner Zufall, dass das zusammenfällt.
Jedenfalls ist dieses Bild geblieben: eine Eisenbahn. Groß. Massiv. Aus echtem Stahl und echtem Eisen. Kein nostalgisches Spielzeugmodell in H0-Spur, das liebevoll auf der Wohnzimmervitrine drapiert wird, während jemand mit feuchten Augen von der großen Zeit der Dampflokomotiven schwärmt. Nein. Eine richtige, tonnenschwere Lokomotive mit langen Waggons im Schlepptau. Dampf, Getöse, vielleicht ein Hauch Kohlestaub.
Und am Steuer? Sitze ich.
Man könnte jetzt meinen, das klingt nach Größenwahn. Kurze Pause. Nein, eigentlich nicht. Aber der Gedanke sei erlaubt. Was folgt, ist keine Selbstbeweihräucherung in Zugform – versprochen. Es ist der Versuch, eine Idee zu erklären, die sich trotz zwanzig Jahren Gelegenheit, sich als Unsinn zu erweisen, als erstaunlich brauchbar herausgestellt hat. Nicht weil sie so elegant wäre. Sondern weil sie einfach nicht verschwindet.
Warum ausgerechnet Stahl?
Eisenbahnen sind keine empfindlichen Geschöpfe. Die werden nicht aus Pappe gebaut und fallen nicht beim ersten Gegenwind um. Was aus Stahl ist, bleibt. Was Tonnen wiegt, braucht echte Kraft, um aus der Bahn gebracht zu werden – und selbst dann braucht es meistens mehr als einen Versuch.
Physikalisch betrachtet ist Eisen eines der stabilsten Elemente auf diesem Planeten. Rund 32 Prozent des Erdkerns bestehen aus Eisen, das dort unten das geomagnetische Feld der Erde erzeugt – jenen unsichtbaren Schutzschild, ohne den der Solarwind die Atmosphäre schon längst in alle Winde verstreut hätte. Eisen hält im wörtlichen Sinne die Welt zusammen. Nicht schlecht für ein Metall, das häufig als schwer und unhandlich gilt.
Stahl biegt sich. Stahl kann verformt werden. Aber er bricht nicht einfach – und das ist eine feine, wichtige, oft unterschätzte Unterscheidung. Resilienz ist kein Stahl, der niemals nachgibt. Resilienz ist Stahl, der nachgibt, ohne zu brechen.
Ich sage das nicht, weil ich mich für besonders resilient hielte. Ich sage es, weil mich diese Metapher genau an diesem Punkt immer wieder einholt. Meistens dann, wenn ich glaube, es ginge gerade gar nichts mehr.
Gleise? Braucht das nicht
Hier wird es ungewöhnlich: Dieser Zug fährt nicht auf Schienen.
Er gleitet einfach über den Boden. Als hätte jemand die Verkehrsregeln der Physik für einen Moment außer Kraft gesetzt. Das bedeutet: Die Richtung bestimme ich. Kein vorgegebener Fahrplan, keine festgelegten Strecken, keine irritierten Schaffner mit Dienstvorschriften im Doppelpack. Wenn irgendwo links ein interessanter Umweg lockt, mache ich einen Schlenker. Hauptsache, die Kohle reicht.
Plan oder Prinzip?
Ein Plan sagt: »Gleis 4 nach Hannover, Abfahrt 14:23, keine Verspätung.« Ein Prinzip sagt: »Grob Norden. Schauen wir mal.« Hannover kann trotzdem noch drin sein. Oder Hamburg. Oder Flensburg. Warum eigentlich nicht.
Psychologen nennen die Überzeugung, das eigene Leben tatsächlich selbst zu steuern, den »internen Locus of Control« – ein Konzept, das der Sozialpsychologe Julian Rotter in den 1950er Jahren entwickelte. Er untersuchte, ob Menschen ihr Leben als selbstgesteuert oder als fremdbestimmt erleben. Ergebnis: Menschen mit einem ausgeprägten internen Locus of Control zeigen tendenziell mehr Resilienz in Krisen, ein höheres allgemeines Wohlbefinden – und deutlich weniger Neigung, anderen die Schuld zu geben, wenn etwas schiefläuft.
Das klingt fast zu simpel, um wahr zu sein. Und passt trotzdem sehr gut zu mir. Im Alltag würde ich das schlicht als freiheitsliebend bezeichnen – aber akademisch klingt es natürlich eleganter. Wie das so ist.
Der Mann in der Badehose
Manchmal braucht es kein Vorstellungsgespräch. Manchmal reicht ein See.
Ich erinnere mich an eine zufällige Begegnung, die nicht hätte unpassender aussehen können: Ein zukünftiger Arbeitgeber, ein ruhiger Sommertag, ich in Badehose. Kein Anzug, kein kalkulierter Händedruck, keine vorbereiteten Antworten auf die klassische Frage, wo man sich in fünf Jahren sieht. Stattdessen ein Gespräch über Gott und die Welt – das Leben, Ideen, irgendwas dazwischen, das sich nicht mehr genau rekonstruieren lässt. Und am Ende bekam ich einen Job.
Ich erzähle das nicht, weil Badehosen-Karriereplanung jetzt zur Methode erhoben werden soll. Sondern weil diese Szene – so absurd sie auch klingen mag – beschreibt, was passiert, wenn man einfach in die eigene Richtung fährt, ohne dabei ständig auf die Uhr zu schielen: Man trifft manchmal an den seltsamsten Stationen die richtigen Menschen. Wer zu verkrampft am Fahrplan hängt, verpasst den See. Und den Job. Und vermutlich noch einiges mehr.
Bahnhöfe dieser Lebensmetapher
An manchen Stationen hält der Zug. Manchmal kurz, manchmal länger. Und wer möchte, kann einsteigen. Das ist keine glamouröse Einladungspolitik mit Gästeliste und Türsteher – sondern ein offenes Angebot: Wer auf diesem Weg mitreisen will, kann das tun. Wer nicht, bleibt auf dem Bahnsteig. Kein Drama. Kein langer Abschiedsbrief. Kein Klärungsgespräch, das dann doch drei Stunden dauert.
Wer so einsteigt
Manche Fahrgäste kommen, um anzupacken. Praktisch veranlagte Menschen, die keine langen Reden schwingen, sondern einfach machen, wenn es nötig ist. Diese Spezies ist selten – aber wenn sie an Bord sind, merkt man den Unterschied sofort. Man fragt sich dann manchmal kurz, wie man das vorher eigentlich hinbekommen hat.
Andere steigen ein, weil sie gute Laune im Gepäck haben. Sie setzen sich in den sonnigsten Waggon, sagen irgendetwas Schlagfertiges, und plötzlich fühlt sich die längste Strecke kürzer an. Keine zertifizierte Coaching-Methode, keine monatliche Rechnung. Einfach ansteckende Leichtigkeit – und eine Fähigkeit, die maßlos unterschätzt wird.
Dann gibt es den Waggon derer, die über Dinge reden wollen, über die andere beim Abendessen lieber schweigen: Erkenntnistheorie, gesellschaftliche Widersprüche, warum Bürokratie so verdammt präzise darin ist, das menschliche Nervensystem zu ruinieren. Herrlich. Manchmal erschöpfend. Aber so ist das eben mit Dingen, die wirklich bereichern – die kosten immer ein bisschen was.
Und schließlich gibt es noch den Waggon, in dem das Geld verdient wird. Weniger romantisch, ja. Aber der Zug braucht Kohle, im buchstäblichsten Sinne. Also gibt es einen Waggon, in dem Kompetenz und Expertise zur Verfügung gestellt werden. Das ist kein Verrat an irgendwelchen Idealen. Das ist Pragmatismus. Ohne Dampf kein Zug – und ohne Zug kommt man zu keinem Ziel, egal wie edel man es formuliert.
Herzliche, empathische Menschen sind willkommen. Inspirierende und bodenständige Zeitgenossen sowieso. Sogar die Partymacher dürfen gerne mit Luftschlangen um sich werfen – solange sie loyal bleiben und keine Malice streuen. Was leichter klingt, als es ist. Man begegnet dieser Kombination seltener, als man denken möchte. Deutlich seltener.
Urlaub, Tisch, fremde Menschen
Es gibt noch eine Art Bahnhof, die ich besonders mag: den Urlaubsbahnhof.
Man sitzt an einem Tisch, irgendwo am Meer oder in den Bergen oder in einer Stadt, die man noch nicht kennt. Neben einem plötzlich Unbekannte – und irgendwann am Abend lacht man zusammen, tauscht Geschichten aus, redet über Gott und die Welt. Man findet sich gegenseitig interessant. Man ist für ein paar Stunden auf einer Wellenlänge, die man vorher nicht kannte. Und dann ist der Urlaub vorbei, jeder fährt seine eigene Richtung, und man hört nie wieder voneinander.
Das ist vollkommen in Ordnung. Dahinter steckt kein Desinteresse, kein Versagen, kein »man hätte sich doch die Nummer geben sollen«. Manche Menschen bereichern einen für genau diese eine Etappe – und das ist mehr als genug. Nicht jeder Mitreisende muss bis zur Endstation dabei sein. Vielleicht ist das sogar das Ehrlichste an dieser ganzen Lebensmetapher: Es gibt keine Pflicht zur Kontinuität. Und wer das erst einmal wirklich verinnerlicht hat, wird merkwürdig entspannt.
Wer nicht passt, steigt aus
Nicht jeder, der einsteigt, bleibt. Das ist keine Strafe und kein Urteil.
Wenn die Kohle in die falsche Richtung fliegt
Manche Menschen wollen schlicht nicht in die Richtung, in die mein Zug fährt. Andere schaufeln die Kohle in die falsche Richtung. Und dann gibt es jene, die intrigant agieren – chauvinistisch, subtil, mit einer Konsequenz, die man zunächst nicht bemerkt und irgendwann nicht mehr ignorieren kann.
Ich habe das erlebt. Im beruflichen Kontext, wo ein schneller Abgang naturgemäß komplizierter ist als auf freiem Gleis – da hängen Verträge dran, Projekte, manchmal auch Menschen, denen man das nicht antun möchte. Aber sobald der Zug die nächste Möglichkeit hatte, hat er einen Bogen gemacht. Konsequent. Ohne Drama. Und ohne Bedauern.
Das Paradox mit den Grenzen
Was weniger in Ordnung ist, ist die verbreitete Vorstellung, dass man alle mitnehmen muss. Dass Grenzen setzen automatisch Kälte bedeutet. Dass »Nein« ein böses Wort ist – und dass das Ausladen von Menschen eine moralische Bankrotterklärung darstellt, über die man noch jahrelang sprechen wird, bevorzugt mit aufgesetzter Betroffenheitsmiene.
Sonderbar, wie eine Gesellschaft, die ständig laut von »Grenzen respektieren« spricht, gleichzeitig denjenigen komisch anschaut, der die eigenen Grenzen kennt und konsequent bewacht. Jemand hat mich einmal ermahnt, nicht so unbarmherzig alles aus meinem Leben zu schmeißen, was mir nicht guttut. Ich habe lange darüber nachgedacht. Ernsthaft. Und bin zu dem Schluss gekommen: Inventur muss manchmal unbequem sein, damit sie Sinn ergibt. Meine Einstellung hat sich nicht verändert. Nicht mal ein bisschen.
Schopenhauer und die Stachelschweine
Schopenhauer hatte für dieses Dilemma übrigens eine hübsche Metapher: Stachelschweine, die im Winter frieren und sich zusammendrängen – aber zu nah dürfen sie nicht kommen, sonst stechen die Stacheln. Der goldene Mittelweg zwischen zu nah und zu weit ist das schwierigste Kunststück im menschlichen Zusammenleben. Schopenhauer nannte die Lösung »Höflichkeit und gute Sitten«. Andere nennen es heute schlicht: Grenzen.
Der Zug hat Türen. Und die gehen nach Bedarf auf – und zu.
Alte Bekannte, neue Etappe
Es gibt aber auch das Gegenteil davon. Und das ist schöner, als man erwarten würde.
Menschen, die irgendwann ausgestiegen sind – aus welchem Grund auch immer –, tauchen manchmal Jahre später wieder auf. Man hat sich aus den Augen verloren, das Leben hat andere Richtungen eingeschlagen, und dann kreuzen sich die Wege wieder. Man teilt Erlebnisse, Erinnerungen, neue Geschichten. Und manchmal stellt man fest, dass der Mensch immer noch passt – vielleicht sogar besser als damals, weil man selbst ein anderer geworden ist.
Das finde ich schön. Schlicht und einfach schön. Kein großes Theoriegebäude nötig.
Narzissmus oder Notwehr?
Jetzt könnte man natürlich sagen: Ist das nicht ein bisschen selbstverliebt? Sich selbst als Lokführer zu inszenieren, der bestimmt, wer mitfahren darf?
Berechtigter Einwand. Die Metapher hat durchaus etwas Narzisstisches. Man stellt sich als Kapitän des eigenen Lebens dar, als jemand, der die Kontrolle hat. Was natürlich Unsinn ist, weil das Leben einen permanent – und mit einer gewissen diebischen Freude – daran erinnert, dass man eigentlich überhaupt nichts unter Kontrolle hat.
Wenn der Zug einfach steht
Ich erinnere mich an mindestens drei Momente, in denen der Zug nicht einfach langsamer wurde – sondern stand. Einfach so. Mitten auf der Strecke. Kein Dampf, kein Getöse, keine Richtung. Und in diesen Momenten war die Metapher zuerst fast lächerlich – wer glaubt denn bitte, er sei eine Lokomotive, wenn er sich gerade anfühlt wie ein vergessener Waggon auf einem Abstellgleis?
Aber irgendwann, nach einer Weile, half sie trotzdem. Nicht weil sie eine Antwort hatte. Sondern weil sie etwas war, an das man sich erinnern konnte. Eine Struktur, in der man sich noch kannte. Manchmal braucht man nicht die Lösung – manchmal reicht es, noch zu wissen, wer man ist.
Vielleicht ist das der wahre Wert solcher Metaphern: nicht dass sie die Wahrheit abbilden – sondern dass sie helfen, mit ihr klarzukommen.
Kein Ratgeber. Keine Anleitung.
Was diese Geschichte auf keinen Fall sein soll, ist eine Anleitung. Keine »10 Schritte zu deinem eigenen Lebenszug«, kein Seminar, kein Workbook, kein Zertifikat mit Seriennummer und Unterschrift.
Es ist eine persönliche Marotte, die irgendwann entstanden ist und sich hartnäckig gehalten hat. Sie ist auch tatsächlich ein bisschen albern – eine Dampflok als Lebensmetapher in Zeiten von Hochgeschwindigkeitszügen und autonomem Fahren. Aber genau diese Sturheit, diese Masse, dieses Unaufhaltsame hat etwas Beruhigendes, das ich mit keinem schlanken modernen Konzept tauschen würde.
In einer Welt, in der ständig Optimierung gefordert wird, in der man anpassend, flexibel und agil sein soll – bevorzugt gleichzeitig und möglichst mit Lächeln –, ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, sich als tonnenschwere Dampflok vorzustellen. Langsam, aber beständig. Schwerfällig, aber zuverlässig. Mit Rauch und Lärm, aber unübersehbar.
Gedanken, die einfach da waren
Das Bild ist nicht aus einem Buch. Nicht aus einer Therapiestunde. Es war eines Tages einfach da, in einem Moment, in dem das Gehirn nach Orientierung suchte und sich offenbar für etwas Schweres entschieden hat.
Die meisten gut gemeinten Ratschläge, die man im Laufe des Lebens bekommt, sind nach drei Wochen vergessen. Dieser Zug nicht. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht versucht hat, klug zu sein.
Mein Zug fährt weiter. Ohne Fahrplan, mit gelegentlichem Kohlestaub und einer Verspätung, für die sich niemand entschädigen lässt — am allerwenigsten die Deutsche Bahn.
© Ron Vollandt · Weitere Fundstücke aus meinem Alltag
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Verwendete Quellen:
Wer tiefer einsteigen möchte: Schopenhauer, Locus of Control und alles über den Erdkern finden sich alle bei Wikipedia — ich habe auch nachgeschaut [Links führen zu Wikipedia].
10 Kommentare
Elke Schwarzer · 12. April 2026 um 17:42
Einmal habe ich von der Bahn einfach so einen 25-Euro Gutschein bekommen für eine halbe Stunde (vielleicht auch 25 Minuten) Verspätung. Fand ich nett, war aber eine einmalige Sache, anscheinend wird da gelost.
VG
Elke
Ron Vollandt · 30. Mai 2026 um 16:19
Liebe Elke,
ein 25-Euro-Gutschein für eine halbe Stunde Verspätung – wow, da hat dich die Bahn-Lottofee tatsächlich erwischt. Bei meinen statistisch gefühlten 17 Verspätungen in den letzten Jahren hat sich diese Lotterie bei mir leider noch nie gemeldet. Vermutlich liegt mein Los noch ungeöffnet bei der DB-Zentrale unter einem Stapel »Beschwerden, mit denen wir uns demnächst nicht beschäftigen werden«.
Aber gut zu wissen, dass es so etwas gibt – das verleiht der nächsten 25-minütigen Stillstandszeit am Bahnsteig ein klein wenig Hoffnung. Vielleicht sollte man das ganze System sogar gamifizieren: »Sammle Verspätungspunkte und gewinne Reisegutscheine, mit denen du noch mehr Verspätung erleben kannst!« Ein perfekter Kreislauf, ganz im Sinne dessen, was ich im Beitrag als kleine Lebensmetapher zu fassen versucht habe.
Hoffnungsvolle Grüße aus dem Wartebereich
Ron
Marita Eckmann · 26. Mai 2026 um 16:19
Spannende Metapher, lieber Ron!
Klarheit, und damit einhergehende klare Entscheidungen sind unbequem und fürs Umfeld oft unverständlich. Doch ich finde, dass es nichts Wichtigeres gibt, als das zu tun, was für einen selbst richtig und stimmig ist. Ist das einfach? Nein. Aber lohnenswert. Wir entrümpeln ja auch mal unser Zuhause und wenn man sich selbst verändert, passiert das eben auch mit den Menschen im Leben. Und dann gibt es wieder Beziehungen, da braucht es Abstand, weil jeder seinen eigenen Weg geht und dann trifft man sich wieder und kann anknüpfen. That’s Life.
Das Bild mit den Stachenschweinen finde ich übrigens herrlich!
Gruß,
Marita
Ron Vollandt · 27. Mai 2026 um 09:13
Liebe Marita,
»Entrümpeln« ist ein wunderschönes Bild für das, was du beschreibst – und es passt zur Zug-Metapher besser, als ich beim Schreiben gedacht hätte. Auch ein Waggon hat begrenzten Platz, und irgendwann muss man entscheiden, welche Mitreisenden mit auf den nächsten Streckenabschnitt sollen. Manche steigen freiwillig aus, andere bittet man höflich um den Ausstieg, und wieder andere stehen plötzlich auf einem anderen Bahnsteig, ohne dass man genau sagen könnte, wann das passiert ist.
Dass Klarheit unbequem ist, hast du sehr genau erfasst. Wer klar entscheidet, eckt an. Wer alles offenhält, ist beliebt – und meistens auch erschöpft. Es scheint, als sei klare Selbstpositionierung eine soziale Steuer, die man zahlen muss, wenn man authentisch leben will. Diese Beobachtung deckt sich übrigens auch mit dem, was ich in »Loslassen als Strategie« aus einer ähnlichen Richtung beleuchtet habe.
Und das Stachelschwein-Bild freut mich besonders, dass es bei dir gewirkt hat. Es stammt ursprünglich von Schopenhauer, der die Idee schon im 19. Jahrhundert formuliert hat: nicht zu nah, weil es sticht – aber auch nicht zu weit weg, weil man sonst friert. Vermutlich die treffendste Beschreibung sozialer Beziehungen, die je in dreißig Wörtern gelungen ist.
Liebe Grüße zurück
Ron
Dr. Nerd · 29. Mai 2026 um 11:36
Eine Lebenseinstellung mit einem Zug zu verbinden passt. Nicht so sehr, wenn es die DB ist, die in Deutschland für den Zugverkehr zuständig ist. Was viele nicht wissen: es gibt etliche (wahrscheinlich hunderte) kleinere Eisenbahngesellschaften in Deutschland – die fahren halt nur alle pünktlich, weswegen die kaum im Fokus sind. Aber da passt dann auch wieder der Vergleich mit dem Zug: dein Leben ist eben nur eine kleine private Bahnlinie..
Ich gebe zu, dass ich in meinem Leben anfänglich auch der Meinung war, man(n) muss etwas darstellen, sich profilieren, mit teurem Schicki-Micki-Scheiss zeigen, dass „man dazugehört“, Ziele haben, Vermögen aufbauen, glücklich heiraten und eine Familie gründen. Pfff. drauf geschissen. Nichts davon ist wichtig, wenn man es nicht wirklich für sich tut, sondern es macht um die Vorstellung von fremden Menschen zu erfüllen.
Volker Pispers sagte mal: „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, was wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen“ – ich war lange zeit Teil bei diesem Selbstbetrug..
Irgendwann machte es aber Klick und ich verstand, worauf es ankommt.
Ich verkaufte meine Autos, wechselte die Branche, verließ den auf Kommerz getrimmten „Freundeskreis“ und lebte mein Leben fortan nach meinen Regeln. Die beste Entscheidung ever!
Seitdem geht es mir wie Dir: Menschen kommen auf meinen Blog, bleiben eine gewisse Zeit (manche länger als andere) andere gehen dafür.
Und wenn Menschen glauben mein Blog wäre eine Plattform für rass…Dreck oder Af?-Parolen – der ist ganz schnell weg. Für mich zählt nicht die Quantität der Follower (bin ja kein Influencer) sondern die Qualität.
Dir noch viel Spaß beim Tschu-Tschu fahren.. 😉
CU
P.
Ron Vollandt · 29. Mai 2026 um 12:09
Hallo Peter,
»dein Leben ist eben nur eine kleine private Bahnlinie« – das ist eine wunderbare Weiterführung der Metapher, die mir beim Schreiben so nicht gekommen war. Die kleinen, pünktlichen Privatbahnen, die niemand auf dem Schirm hat, weil sie eben funktionieren – ja, da fühle ich mich tatsächlich gut aufgehoben. Lieber eine zuverlässige Nebenstrecke mit Charakter als ein verspäteter ICE, der ständig im Rampenlicht steht und trotzdem nie ankommt.
Das Pispers-Zitat ist ein Klassiker, der leider nichts von seiner Wahrheit verloren hat. Genau diese Mechanik – Dinge kaufen, die man nicht braucht, um Leute zu beeindrucken, die man nicht mag – ist der Motor einer ganzen Wirtschaft. Und das Perfide daran ist ja, dass man mittendrin steckt, ohne es zu merken. Erst der von dir beschriebene Klick-Moment legt offen, wie viel Energie in fremde Erwartungen geflossen ist. Dass du daraufhin Autos verkauft, die Branche gewechselt und den kommerzgetriebenen Freundeskreis hinter dir gelassen hast, ist konsequent – und vermutlich anstrengender, als es im Rückblick klingt. Solche Schnitte macht man nicht mal eben nebenbei.
Deine Haltung zum Blog teile ich vollkommen: Qualität der Leser vor Quantität der Follower. Und dass bei dir rechter Dreck und entsprechende Parolen ganz schnell wieder verschwinden, ist für mich keine Frage von Meinung, sondern von Anstand. Da sind wir uns einig. Ein Blog ist schließlich auch ein kleines Hausrecht – und wer Gäste empfängt, darf selbst entscheiden, wer am Tisch Platz nehmen darf.
Buddy Müller hat dich übrigens schon wärmstens empfohlen, insofern war dein Besuch hier eine doppelte Freude. Ich schaue auf jeden Fall bei dir vorbei – Ruhrpott-Charme und IT-Soziologie klingen nach genau der Mischung, die ich mag.
Pünktliche Grüße (ich habe sofort geantwortet)
Ron
Dr. Nerd · 29. Mai 2026 um 19:06
Ich glaube, dass wir Blogger – leider auch nicht alle – denn ich erkenne bei vielen Blogs die Tendenz zum Influencer-Business „the last Line of Defense“ sind. Wir haben die Macht Beiträge und Meinungen, die ganz klar ausländerfeindlich sind oder in den Bereich Verschwörungstheorien gehen, zu blockieren. Und wir sollten das auch tun – auch wenn dies sicher von den Betroffenen als Zensur angesehen wird.
Aber seien wir ehrlich – zum einen kann man es nicht allen recht machen, zum anderen macht die andere Seite es doch genauso. Im schlimmsten Fall wird ein Kommentar durchgelassen umd ie eigenen Bubble zu triggern und ein Shitstorm sondergleichen bricht los.
Da wir keine Interesse an Algorithmen haben, die niedere Instinkte bei den Kommentatoren ansprechen, sind die Diskussionen auf unseren Blogs entspannter, gehaltvoller und mit einem Anstand dem anderen Gegenüber – selbst wenn man anderer Meinung ist. Das ist der große Vorteil den wir den „sozialen“ Medien voraus haben..
Bis die Tage, Hömma!
Ron Vollandt · 30. Mai 2026 um 16:10
Hallo Peter,
»The last line of defense« – das ist ein großes Bild, und ich verstehe, warum Du es gewählt hast. Es trifft etwas, das mir auch durch den Kopf geht: dass die kleinen, unabhängigen Blogs in der Tat einer der wenigen Räume sind, in denen Diskussion noch ohne Algorithmus-Steuerung stattfindet. Wir reichen niemandem die nächste Empörung anschließend automatisiert nach, wir verstärken nicht künstlich das Krasseste im Raum, und wir bekommen kein Geld für jede zusätzliche Aufrufzahl. Das macht uns weniger reichweitenstark, aber substanziell freier.
Dein Punkt mit der Influencer-Tendenz vieler Blogs trifft eine wunde Stelle. Sobald ein Blog beginnt, sich nach Reichweite auszurichten, kippt etwas. Die Beiträge werden glatter, die Kommentare werden schmeichelhafter, und am Ende moderiert man nicht mehr nach Inhalt, sondern nach Wachstumsstrategie. Das ist keine Schreibhaltung mehr, das ist Vertrieb. Und ja, ich glaube auch: Wer einen Blog ehrlich betreibt, akzeptiert dafür eine überschaubarere Leserschaft – und gewinnt im Tausch eine Diskussionskultur, die im Algorithmus nicht zu kaufen wäre.
Was die Moderation rechter oder verschwörungsideologischer Inhalte angeht, bin ich völlig bei Dir. Das Argument »das ist doch Zensur« ist eine rhetorische Falle: Hausrecht ist keine Zensur. Wer in mein Wohnzimmer kommt und beginnt, gegen Minderheiten zu hetzen, fliegt raus – im echten Leben würde niemand das »Zensur« nennen. Online plötzlich schon. Diese sprachliche Verschiebung gehört zu den klügsten Tricks der Gegenseite. Wer sie durchschaut, kann ruhig moderieren.
Und ja: Shitstorms sind selten ein Erkenntnisgewinn, fast immer ein Bubble-Spektakel. Wer sie aktiv sucht, sucht keine Diskussion, sondern Reichweite. Und das ist eine Bühne, die ich gerne anderen überlasse.
Bis die Tage – mit Gruß ins Ruhrgebiet
Ron
Britta Langhoff · 15. Juni 2026 um 16:41
Tolle Metapher, lieber Ron. Die Gedanken dazu nehm ich mir mal mit.
Stahl ist übrigens auch ein Material, welches letztendlich sehr nachhaltig ist. Wird er gepflegt, kann er ewig halten und schleicht sich mal Rost ein, kann man immer noch kundige Schweißer um Hilfe bitten. Auch eine Metapher an sich oder?
Deswegen ist übrigens unser Boot auch ein Stahlboot. Und da gebe ich Dir noch einen Spruch mit, den ein Skippertrainer uns mit auf den Weg gegeben hat: „Stahl gewinnt immer“ – das lass ich mal einfach hier so stehen.
Liebe Grüße Britta
Ron Vollandt · 15. Juni 2026 um 17:40
Liebe Britta,
dass Stahl in Wahrheit ein nachhaltiges Material ist, hatte ich beim Schreiben gar nicht so im Kopf – ich hatte ihn eher als Symbol für unverrückbare Schwere gewählt. Deine Ergänzung macht aus der Metapher etwas Reicheres: Stahl rostet, ja, aber man kann ihn pflegen, schweißen, reparieren. Damit ist er weniger das Bild der unverrückbaren Lebensbahn als das eines belastbaren Materials, das mit Sorgfalt durch die Jahrzehnte kommt – und an dem ein kluger Schweißer auch ausbessern darf, was sich verzogen hat. So wird aus der Zug-Metapher beinahe eine Lebenshaltung: nicht jeder Knick erfordert ein neues Modell, manchmal genügt ein guter Handwerker (sofern man einen Termin bekommt).
Dass ihr ein Stahlboot fahrt, passt in dieses Bild übrigens hervorragend. Wer einmal auf einem Stahlrumpf gefahren ist, weiß, was Vertrauen in ein Material bedeutet – während Aluminium-Skipper bei jedem Klong nervös werden, bleibt der Stahlmensch ruhig. »Stahl gewinnt immer« – ein Satz, den ich tatsächlich erstmal so wirken lasse, wie Du es vorgeschlagen hast. Manchmal ist die schönste Antwort auf eine gute Pointe, sie unkommentiert stehen zu lassen.
Schweißnahtfeste Grüße zurück
Ron