Wer jetzt hofft, hier ein Rezept für junges Gemüse zu finden, den muss ich leider enttäuschen. Das klassische Leipziger Allerlei besteht aus einer bunten Mischung von Karotten, Erbsen und Spargelstückchen – genauso wie diese Ansammlung von Absurditäten, die sich während eines Wochenendtrips nach Leipzig ereigneten.

Kleiner Exkurs

Das klassische Leipziger Allerlei war ursprünglich übrigens ein Gericht der gehobenen Küche – mit Flusskrebsschwänzen, Morcheln und Spargelspitzen. Was heute unter diesem Namen in Tiefkühltruhen schlummert, hat damit ungefähr so viel gemein wie ein Sternerestaurant mit einer Autobahnraststätte. Aber das nur am Rande.

Urbanität mal anders

Was hier stattdessen serviert wird, ist eine bunte Sammlung urbaner Absurditäten aus einem ganz normalen Wochenende, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Ungläubigkeit und garniert mit der tröstlichen Erkenntnis, dass die Wirklichkeit manchmal die beste Satire schreibt. Bei diesen Erlebnissen würde wahrscheinlich mancher Buchautor neidisch werden.

Unser Kurzausflug

Meinen guten Freund Matti und mich verschlug es dieses Wochenende nach Leipzig. Matti, seines Zeichens Mensch mit ausgeprägtem Drang zur Erkundung und einer meiner liebsten Reisebegleiter, ist ideal für solche Expeditionen. Wie es das Schicksal so wollte, ließ die Absurdität des Alltags auch in der sächsischen Metropole nicht lange auf sich warten. Die schönsten Anekdoten gebe ich hiermit zum Besten.

Der Panorama Tower

Erste Station: der Panorama Tower. Für Ortsunkundige sei erwähnt, dass es sich um das City-Hochhaus handelt – mit seinen 142 Metern das höchste Gebäude der neuen Bundesländer. Die Aussichtsplattform verspricht einen spektakulären Rundumblick – wenn man es denn bis nach oben schafft. Im selben Gebäude residiert nebenbei auch der Mitteldeutsche Rundfunk.

Münzen für den Aufstieg

Ein Fahrstuhl bringt einen in die 29. Etage, doch viel weiter kamen wir nicht. Denn sofort offenbarte sich das erste Hindernis: Der Automat, der den Zugang zur Aussichtsplattform gewährt, akzeptiert ausschließlich Münzen. Kontaktlos zahlen? Fehlanzeige. Kartenzahlung? Nicht vorgesehen. Mobile Payment? Man könnte meinen, das sei ein Begriff aus einem besonders optimistischen Science-Fiction-Roman. Nein, dieser Apparat nimmt ausschließlich Münzen an. Hart, rund, metallisch. Irgendwo in diesem Gebäude muss es jemanden geben, der das Wort »Digitalisierung« für einen Schreibfehler hält. Nun hatte ich aber nur einen Geldschein dabei – ein fataler Fehler in einer Welt, die offenbar irgendwann in den frühen Neunzigern stehen geblieben ist.

Eine sonderbare Maschinerie

Bargeld ist König – allerdings nur in seiner metallischen Form. Zum Glück steht daneben ein weiterer Automat, der gnädigerweise Scheine in Münzen wechselt. Man füttert also erst Maschine A, wirft die gewonnenen Münzen in Maschine B und passiert schließlich eine Schranke, die vermutlich schon zu Wendezeiten ihren treuen Dienst verrichtete und seitdem geduldig auf Rente wartet.

Eine Quittung? Gibt es nicht. Geld rein, Schranke auf, fertig. Kein Beleg, kein Nachweis, nichts. Ein Schelm, wer dabei an kreative Buchführung denkt.

Rundfunkgebühren mit Aussicht

Während ich dort stand und meine frisch ertauschten Münzen in den Schlitz warf, kam mir ein ketzerischer Gedanke: Die Panorama Tower GmbH & Co. KG bewirtschaftet das Gebäude, während im Hintergrund Merrill Lynch – ja, tatsächlich die US-Investmentbank – die Fäden zieht. Der MDR sitzt als braver Mieter in denselben Mauern und zahlt seine Miete, allerdings nicht für die Aussichtsplattform, sondern für seine Büros.

Das wirft natürlich Fragen auf. Wir alle finanzieren mit unseren Rundfunkgebühren einen öffentlich-rechtlichen Sender, dessen Zentrale in einem Hochhaus thront, zu dem die Öffentlichkeit nur gegen Entgelt Zutritt erhält – fünf Euro für den Blick von oben. Man könnte durchaus meinen, die nächste Rundfunkgebührenerhöhung sollte direkt an die Aussichtsplattform fließen. Dann hätten wir zumindest das Gefühl, unseren Beitrag buchstäblich in die Höhe zu treiben.

Gastronomische Erlebnisse

Nach diesem ersten Abenteuer und den himmlischen Aussichten schlenderten wir durch die Leipziger Innenstadt, wo sich auf dem Marktplatz eine weitere Episode abspielte, die das Vertrauen in die Menschheit leicht ins Wanken brachte. Beim Genuss von zwei Eisbechern zelebrierten wir das süße Leben. Sonnenstrahlen, historische Fassaden, Eis mit Nüssen und Sahne – manchmal braucht es nicht mehr.

Die Kunst der Großzügigkeit

Dann die Rechnung. Ich hielt lässig meine Karte an das Lesegerät und rundete den Betrag galant auf die nächsten fünf Euro auf – ein Akt der Nächstenliebe, der dem Kellner offenbar derart imponierte, dass er auf eigene Faust gleich noch ein paar Euro obendrauf schlug. Vermutlich hielt er mich für einen zerstreuten Mäzen, der beim kontaktlosen Bezahlen nicht allzu genau hinschaut. Zum Glück überprüfte ich den Betrag auf dem Display und wies ihn höflich, aber bestimmt darauf hin, dass meine Großzügigkeit durchaus Grenzen kennt. Der Kellner reagierte mit jener speziellen Mischung aus gespielter Überraschung und professioneller Gleichgültigkeit, die man meiner Meinung nach nur in der Gastronomie durch jahrelanges Training derart perfektionieren kann.

Mein persönlicher Tipp: Immer wachsam bleiben. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Man weiß ja nie, ob das ein Einzelfall war oder es sich bereits zu einer Masche etabliert hat.

Ofenreinigung zur Primetime

Am frühen Samstagabend wollten wir in einem typisch lokalen Restaurant einkehren. Wir bekamen einige der besten Plätze mit Panoramasicht zugewiesen (mittlerweile weiß ich auch, warum). Die Karte lag vor uns, die Vorfreude stieg. Alles bestens – bis der Kellner mit der Mitteilung herausrückte: Der Ofen wird gerade gereinigt. Dauert noch ein Weilchen.

Diese Information wirft unweigerlich Fragen auf: Warum muss ausgerechnet am Samstagabend, zu einer Zeit, in der hungrige Gäste erwartungsgemäß in Scharen einfallen, der Ofen seine Wellnesskur erhalten? Man stelle sich vor: Ein Friseur, der am Samstag um zehn verkündet, die Schere müsse erst geschliffen werden. Gibt es keine ruhigeren Momente im Restaurant-Alltag? Vielleicht montags um halb drei, wenn außer einer verirrten Katze niemand vor der Tür steht? Nach einer kurzen Getränkepause beschlossen wir, unser Glück woanders zu versuchen.

Vietnamesische Mathematik

Im nächsten Anlauf landeten wir in einem vietnamesischen Restaurant, wo wir nicht nur kulinarische Exotik, sondern auch eine Lektion in kreativem Rechnungswesen erhielten. Auf der Karte stand unser Wunschgericht für eine Person mit 19,90 Euro zu Buche, während dieselbe Speise für zwei Personen mit 54,90 Euro angesetzt war.

Jeder Mensch mit rudimentären Rechenkenntnissen erkennt sofort: Zweimal das Einzelgericht wäre deutlich günstiger. Auf die Frage, wie dieser Preis denn zustande komme, verwies der Kellner mit einer Handbewegung an den Chef, der leider nicht verfügbar war – vermutlich gerade damit beschäftigt, die nächste Preisliste zu kalibrieren, die dann vielleicht auch einen Aufschlag für neugierige Nachfragen enthält. Wir bestellten selbstverständlich kurzerhand zweimal das Einzelgericht.

Fernöstliche Gelassenheit

Was als kulinarisches Abenteuer begann, entwickelte sich allerdings zu einer Übung in Geduld – allerdings ohne den dafür nötigen inneren Frieden. Der landestypische dreifache Espresso, leichtsinnigerweise als Aperitif bestellt, tat sein Übriges: Während ich zunehmend hibbelig wurde, rutschte Matti auf seinem Stuhl umher wie ein Erstklässler kurz vor der großen Pause.

Als uns der Kellner nach fast einer geschlagenen Stunde mit entwaffnender Nonchalance verkündete, das Essen werde sich noch »etwas verzögern«, beschlossen wir, dass unsere Leipziger Tage nicht ausschließlich in einem Restaurant verrinnen sollten. Wir verließen die Szenerie – zielstrebig und mit koffeinbedingter Beschleunigung.

Aller guten Dinge

Beim dritten Anlauf klappte es dann endlich. Uns wurde frischer Rotbarsch kredenzt, und wir durften sogar bei der Zubereitung zusehen – eine Performance, die das Warten mehr als wettmachte. Der Fisch kam perfekt gebraten auf den Tisch, begleitet von einer Beilage, die tatsächlich warm war. Man sollte seine Ansprüche nicht zu hoch hängen, dann sind die Glücksmomente umso größer.

Kultur ohne Schock

Neben all den gastronomischen Abenteuern bot Leipzig auch Momente, die erfreulich planmäßig verliefen – was nach den vorangegangenen Erlebnissen beinahe verdächtig wirkte.

Zeitgeschichte zum Anfassen

Das Zeitgeschichtliche Forum in der Innenstadt ist eine echte Empfehlung. Die Dauerausstellung zur deutschen Einheit und DDR-Geschichte ist klug kuratiert, informativ ohne belehrend zu sein, und wird durch wechselnde Sonderausstellungen ergänzt. Wer verstehen will, was Teilung und Wiedervereinigung für den Alltag der Menschen bedeuteten, ist hier genau richtig.

Der eigentliche Clou: freier Eintritt. Kostenlos. Null Euro. In einer Zeit, in der selbst der Toilettenbesuch am Hauptbahnhof ein Kleingeldbudget erfordert, ist das eine Nachricht, die erst einmal sacken muss. Und zudem ist das Zeitgeschichtliche Forum auch am Sonntag geöffnet.

Matti sollte übrigens partout seinen Rucksack in ein Schließfach verstauen. Ich glaube, sie hatten Sorge, wir könnten Deutschland ein Stück Geschichte entwenden, und alles wäre womöglich ab dem Mauerbau ganz anders verlaufen.

360-Grad-Panorama

Beim Panometer verhält es sich anders. Yadegar Asisis monumentales 360-Grad-Panorama widmet sich derzeit der Antarktis und beeindruckt in einem ehemaligen Gasometer durch schiere Größe und immersive Inszenierung. Allerdings: 16 Euro regulärer Eintritt. Beeindruckend ohne Frage – Must-have eher Ermessenssache.

Wetterkapriolen

Am Stadthafen lassen sich in der Saison Motorbootfahrten auf den Leipziger Kanälen unternehmen. Leipzig verfügt – was viele nicht wissen – über ein erstaunlich weitverzweigtes Wassernetz, ein Erbe der industriellen Vergangenheit, das heute der Naherholung dient. An unserem Wochenende war es allerdings doch noch etwas frisch, und so entschlossen wir: Manchmal ist es klüger, die romantische Vorstellung einer Bootstour im Kopf zu bewahren, statt sie durch fröstelnde Realität zu ersetzen.

Eine Bilanz

Leipzig hat sich als Stadt entpuppt, die zwischen Moderne und Nostalgie balanciert – manchmal elegant, manchmal etwas ungelenk. Münzautomaten stehen neben modernen Bürogebäuden, kulinarische Höhenflüge wechseln sich ab mit mathematischen Rätseln auf Speisekarten, und kulturelle Angebote schwanken zwischen großzügig kostenfrei und ambitioniert bepreist.

Matti und ich sind uns jedenfalls einig: Es war ein großartiges Wochenende. Nicht trotz der Absurditäten – sondern gerade wegen ihnen. Und beim nächsten Mal wird vorsorglich ein Beutel Kleingeld eingepackt.

Und wer weiß – vielleicht landet beim nächsten Besuch ja tatsächlich das klassische Leipziger Allerlei auf dem Teller. Solange der Koch nicht gerade den Ofen reinigt.

© Ron Vollandt | Rons famose Gedankenwelt


Verwendete Quellen:


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