Eine Eingebung zwischen Stationen
Ich hatte dieser Tage eine Geschäftsidee, die so ausgeklügelt ist, dass ich sie unbedingt hier teilen möchte. Sie kam mir vor etwa zwei Wochen, als ich samt Desktop-PC quer durch Berlin unterwegs war. Mein genialer Gedanke blitzte ganz plötzlich auf – es brauchte dazu nur den Ton eines Akkordeons, irgendwo zwischen Potsdamer Platz und Friedrichstraße. Eingeklemmt zwischen meinem Rollkoffer (mit dem Rechner) saß ich, quasi bewegungsunfähig, in einer prall gefüllten Berliner S-Bahn.
Perfektes Timing.
Die Türen hatten sich gerade geschlossen. Was dann folgte, war kein besonders bemerkenswertes Konzert. Ein Mann Ende der Dreißiger, halb bemitleidenswert mit einem einstudierten Lächeln, leierte die immer gleiche Akkordfolge ab. Kurze Augenblicke später drehte er mit einem Pappbecher in der Hand seine Runde durch den Wagen. Der mittlerweile dritte Becher, der mir während dieser Fahrt ziemlich übergriffig unter die Nase gehalten wurde.
Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Das hier ist eigentlich ein ganz vernünftiges Geschäftsmodell.
Vom Pendler zum Unternehmer
Wer schon einmal über passive Einkommen nachgedacht hat – und das hat jeder, irgendwo zwischen Steuerbescheid und drittem Kaffee –, kennt das Problem: Die Vorschläge sind aufwendig. ETFs. Dividenden. Immobilien. Alles braucht Startkapital, Geduld und im Idealfall jemanden, der einem geduldig erklärt, was eigentlich ein Sparplan ist.
Dabei fährt das wahre Geschäftsmodell jeden Morgen durch Berlin. Halbstundentakt. Mit Sammelhut.
Die Wahl des Instruments
Wer einsteigen möchte – und zwar gleich in einem Zug, im wahrsten Sinne –, der sollte ein paar Runden durch Berlin drehen. Denn am Anfang steht die große Grundsatzfrage: Welches Instrument? Kurz eine Einordnung.
Das Akkordeon ist der Klassiker. Robust, transportabel, akustisch nicht zu ignorieren. Wer Akkordeon spielt, signalisiert: Mich gibt es hier öfter. Mich erkennt man. Mit mir muss man rechnen. Übrigens habe ich mal einen Akkordeonspieler beobachtet, der zwischen zwei Stationen seelenruhig sein Handy gezückt und eine Nachricht beantwortet hat – ohne dabei aus dem Rhythmus zu geraten. Profis erkennt man eben.
Die Trompete ist die Wahl für Mutige. Ein einziger Ton durchquert einen S-Bahn-Wagen mit einer Penetranz, die bei sensibleren Naturen unmittelbares Spendenbedürfnis auslöst – nicht aus Begeisterung, sondern aus dem dringenden Wunsch, das Konzert möglichst rasch beendet zu sehen. Auch eine Form von Marktwirkung.
Die Geige ist Premiumsegment. Hochkultur, gescheiterte Konzertkarriere, mindestens ein osteuropäisches Konservatorium im Lebenslauf. Der Hut, besser gesagt der Pappbecher (Erklärung folgt), sammelt entsprechend.
Vom Saxophon würde ich übrigens abraten. Erinnert zu viele Menschen an die späten Achtziger. Und das löst eher Nachdenklichkeit aus als Spendenbereitschaft.
Eine Beobachtung zur Akustik
Selbstverständlich darf ein kurzer Exkurs nicht fehlen, weil er für die Karriere äußerst relevant ist: Die Akustik in einem S-Bahn-Wagen ist beeindruckend. Metall, Glas, harte Flächen, Menschen mit Jacken – das ergibt einen Hall, der jedes noch so durchschnittliche Instrument verstärkt, als wäre eine Subwoofer-Anlage angeschlossen.
Praktisch heißt das: Investition in hochwertiges Equipment? Überflüssig. Ein Flohmarktakkordeon klingt zwischen Hackescher Markt und Jannowitzbrücke ungefähr so präsent wie eine Kirchenorgel. Das ist kein Witz. Das ist Physik.
Was die Hausordnung sagt
An dieser Stelle könnte der Einwand kommen, das alles sei doch eigentlich… verboten. Stimmt. Die Beförderungsbedingungen der S-Bahn Berlin sind in diesem Punkt ungewöhnlich klar formuliert. Untersagt ist das Betteln, das Sammeln, der Handel innerhalb der Verkehrsmittel – und ausdrücklich auch das Tätigen von »Schau- oder Darstellungen mit dem Ziel des Gelderwerbs«.
Schöne Formulierung übrigens, »Schau- oder Darstellungen«. Etwas leicht Theatralisches, fast Würdevolles schwingt darin mit. Wer also das nächste Mal ein Akkordeon hört, möge sich daran erinnern: Was hier vollzogen wird, ist offiziell eine Darstellung.
Bei Verstößen drohen Abmahnungen, dreimonatige Beförderungsverbote, im Wiederholungsfall sogar Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs. Klingt streng. Ist es vermutlich auch, irgendwo… auf dem Papier.
Das Akkordeon hat den Paragrafen jedenfalls noch nicht gelesen.
Der Hut macht’s
Nach dem Instrument folgt die Frage des Sammelbehältnisses. Eigentlich banal, in Wahrheit aber strategisch und sehr entscheidend.
Der klassische Hut ist romantisch. Romantisch ist in der Regel ein Synonym für unpraktisch. Münzen springen heraus, Scheine fliegen davon, am Ende der Linie steht man da mit einem dezimierten Tagesumsatz und einer Erkenntnis über die physikalischen Grenzen weichen Filzes.
Der Pappbecher hingegen hat sich aus gutem Grund durchgesetzt. Eine fallende Münze klingt in einem Pappbecher wie das freundliche Ping einer eingehenden Überweisung.
Bargeldlos in die Altersvorsorge
Wer modern denkt, ergänzt einen QR-Code. Die Zukunft der Digitalisierung ist hier bereits angekommen, obwohl wir sie in anderen Bereichen weit mehr erwarten würden. Nein, ich liste jetzt hier nicht noch einmal die typisch deutschen Klischees auf.
Psychologie im Wagen
Das eigentliche Genie dieses Geschäftsmodells liegt aber nicht im Instrument. Auch nicht im Becher. Sondern in der Situation selbst.
Das gefangene Publikum
Ein Fahrgast im S-Bahn-Wagen ist nämlich nicht einfach ein Fahrgast. Er ist gefangenes Publikum, so wie ich mit meinem großen Desktop-PC im Schlepptau. Es gibt kein Entkommen, jedenfalls nicht ohne die nächste Haltestelle abzuwarten. Außerdem will man nicht fliehen, weil da jemand sein Liedchen trällert, und so bleibt einem nur das Zuhören.
Da gibt es noch eine zweite Ebene. Subtiler. Interessanter.
Die moralische Komponente
Niemand sitzt im Wagen für sich. Alle beobachten alle. Wer gibt, wer nicht? Wer schaut weg, wer lächelt verlegen? Diese stille Choreografie der gegenseitigen Beobachtung ist es, die das Geld in den Becher treibt. Nicht die Musik. Nicht einmal das Mitleid. Eher dieser dezente soziale Druck. Schließlich will man im Auge der Mitreisenden nicht als geiziger Mensch gelten.
Erleichterungseffekt
Psychologen nennen das den Erleichterungseffekt – ich habe das vor über zehn Jahren recherchiert, als ich mich schon darüber gewundert hatte. Gemeint ist jedenfalls: Ein paar Münzen abzugeben fühlt sich an wie kleiner Freikauf. Die Lärmbelästigung wird zur fast karitativen Geste, das Gewissen ist beruhigt, das Geräusch geht weiter. Eine Win-win-Situation, jedenfalls für die meisten Beteiligten. Und der Klingelbeutel lacht ebenfalls.
Skalierung ist alles
Wer ernsthaft in diesem Gewerbe etwas werden will, denkt in Systemen. Ein Wagen ist nur eine Etappe. Eine Linie hat zehn Wagen, ein Tag mehrere Linien, ein Monat – nun, die Rechnung möge jeder selbst durchführen.
Im Internet kursiert übrigens eine Faustregel, die ich nicht weiter kommentiere und auch nicht mit Quelle belegen werde, sondern nur erwähne: ein Euro pro Wagen im Schnitt, zwölf Wagen pro Stunde, acht Stunden Arbeitszeit. Wer Mathematik mochte, sieht: Das schlägt so manchen Minijob. Steuerfrei, ortsunabhängig, ohne Excel-Tabellen.
Eine Lücke im System eigentlich.
Die heimlichen Genießer
Bei aller Ironie muss ich an dieser Stelle aber ehrlich sein: Es gibt tatsächlich Menschen, denen das Musizieren in der S-Bahn gefällt.
Ich kenne welche. Eine ältere Dame aus Mitte hat mir einmal erzählt, sie finde diese kleinen ungeplanten Konzerte »eine Erinnerung daran, dass Berlin noch lebt«. Ein Bekannter, der viel mit dem ICE pendelt, sagte mir, er steige extra gern in die S-Bahn, weil dort »wenigstens noch was passiert«. Und ein Tourist aus Norddeutschland schwärmte mir gegenüber von der »Lebendigkeit« der Berliner Verkehrsmittel.
Ob diese Begeisterung immer ganz echt ist, sei dahingestellt. Es gibt diese Menschen, die alles »authentisch« und »vielfältig« nennen – auch das, was andere einfach nur lästig finden. Berlin halt. Hauptsache, es klingt nach Großstadterfahrung. Wer in Berlin lebt, möchte schließlich auch in Berlin leben – und nicht in einer sterilen Vorortsiedlung mit Rasensprenger und reglementierter Sonntagsruhe.
Vielleicht sind die fahrenden Musiker also nicht nur ein Ärgernis, sondern auch eine Art Folklore. Lebendes Inventar. Eine schräge, manchmal anstrengende, manchmal liebenswerte Beigabe zum täglichen Pendlerleben. Man kann darüber stöhnen. Aber irgendwie gehört es dazu.
Ein leises Unbehagen
An dieser Stelle muss ich nun aber wirklich die Maske ablegen, sonst wird mir der eigene Text unangenehm.
Es ist natürlich alles komplizierter, als ein satirischer Karriereplan vermuten lässt. Es gibt Menschen in echter Not. Diese sind tatsächlich auf jeden Euro angewiesen. Zynismus ist hier klar fehl am Platz.
Es gibt aber auch organisierte Strukturen, deren Effizienz manchen Mittelständler vor Neid erblassen ließe. Und irgendwo dazwischen liegt jene Grauzone, in der das Mitgefühl der einen und der Frust der anderen aufeinanderprallen, ohne dass sich eine klare Lösung daraus ergäbe.
Der Blick hinter die Kulissen
Dass die Verkehrsbetriebe nicht durchgreifen, hat viele Gründe. Personalmangel, Verdrängungseffekte, die berechtigte Sorge, ausgerechnet die Falschen zu treffen. Und vermutlich auch die unausgesprochene Erkenntnis, dass Berlin von seiner Vielfalt lebt. Inklusive jener Geräusche, die nicht jedem gefallen.
Das ist alles richtig.
Es ändert nur nichts daran, dass eine Regel, die nie durchgesetzt wird, am Ende eben keine Regel ist. Es handelt sich ja noch nicht einmal um wenige Ausnahmen.
Was bleibt
Was bleibt also von diesem Karriereplan? Ehrlich gesagt: nichts, was ich umsetzen werde. Erstens beschränken sich meine musikalischen Fähigkeiten auf gelegentliches Pfeifen beim Einräumen der Spülmaschine. Zweitens hätte ich nach dem dritten Wagen vermutlich eine kleine Sinnkrise. Und drittens – das ist der eigentlich beunruhigende Punkt – ist diese Idee gar nicht so satirisch, wie sie tut.
Irgendwo in einem Wagen der Ringbahn sitzt jemand, der genau diesen Plan längst umgesetzt hat. Mit Akkordeon, mit Pappbecher, vermutlich auch mit QR-Code. Und während er spielt und die Münzen klimpern, liegt in einem Verwaltungsgebäude, irgendwo zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof, ein einsamer Paragraf und wartet darauf, dass ihn mal jemand beachtet.
Vielleicht sollte ich für ihn spielen.
Ich kenne da zufällig jemanden mit einem Xylophon.
© Ron Vollandt | Rons famose Gedankenwelt
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2 Kommentare
.Tina von Tinaspinkfriday · 29. Mai 2026 um 18:32
Ich musste schmunzeln. Herrlich beobachtet und beschrieben, ja den Gedanken immer weiter gesponnen.😄 Gerade diese Mischung aus Ironie, Alltagsfrust und einem kleinen Seitenhieb auf unsere Gesellschaft macht den Text so lesenswert. Man erkennt sich leider öfter wieder, als einem lieb ist – besonders beim Thema Bahn.😅 Den ersten Kontakt zu solchen Darbietungen hatten wir in der Pariser Metro vor Jahrzehnten. Ich gestehe, es gefiel uns und das Wort Belästigung wäre mir damals nicht eingefallen. Das war Paris. Vielleicht gehöre ich zu den Menschen, die das mögen.🤭 Danke für den unterhaltsamen Beitrag! Ich wünsche Dir ein wunderschönes Wochenende, liebe Grüße Tina
Ron Vollandt · 29. Mai 2026 um 19:03
Liebe Tina,
ein Kommentar, der nur Stunden nach Veröffentlichung eintrudelt, ist für mich ein kleiner Glücksmoment – danke dafür. 🙂
Deine Paris-Anekdote hat mich zum Lächeln gebracht – und sie trifft einen wunden Punkt, den ich im Beitrag bewusst nicht ganz aufgelöst habe. Du sprichst nämlich genau die Schwelle an, an der sich vieles entscheidet: Manche Menschen erleben Straßenmusik in der Pariser Metro oder der Berliner S-Bahn als Folklore, als Lebenszeichen einer Stadt, fast als Geschenk. Andere als penetrante akustische Übergriffigkeit. Beides ist legitim – und vermutlich hängt es weniger vom Musiker ab als von der eigenen Tagesform, der eigenen Erinnerung und der Frage, wie viel Reibung man gerade verträgt.
Vor Jahrzehnten in Paris hatte das ohnehin eine andere Aura. Da war noch nicht jeder zweite Akkordeonist mit Lautsprecher und QR-Code ausgestattet. Das war eher eine Pariser Postkarte, die zufällig zu Musik wurde. Heute fühlt es sich gelegentlich an wie eine Marketingkampagne mit Pappbecher – wobei ich zugeben muss, dass die ältere Dame aus Mitte, die ich im Beitrag zitiere, dir vermutlich aus tiefster Seele beipflichten würde.
Und ja, das »Reich werden in der S-Bahn« ist ohnehin nur ein satirischer Karriereplan. Mein eigener Zug fährt eine andere Strecke, mit weniger Akkordeon und mehr Schreibtisch. Aber Beobachten lohnt sich – das ist letztlich das eigentliche Geschäftsmodell hinter all dem.
Schönes Wochenende auch Dir
Ron