Humorvolle Erzählung mit Redewendungen
Hand aufs Herz: Gibt es eine schönere Sprache als die deutsche, wenn es darum geht, kunstvoll um den heißen Brei herumzureden? Wir treten uns gegenseitig auf den Schlips, binden uns die abenteuerlichsten Bären auf und schütten dabei das Kind mit dem Bade aus – und das alles, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Ich will jetzt nicht Süßholz raspeln, aber über 250.000 Redewendungen und Sprichwörter soll es in meiner Muttersprache angeblich geben, und ich gestehe: Diese kleinen sprachlichen Goldstücke haben es manchmal faustdick hinter den Ohren, sind teilweise sogar unter aller Kanone, kommen aber unverblümt daher wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.
Was nun folgt, ist eine kleine Liebeserklärung an genau diesen Sprachreichtum – verpackt in eine wahre Begebenheit, die sich vor einigen Tagen tatsächlich so zugetragen hat. Ich habe dabei versucht, so viele Redewendungen unter einen Hut zu bringen, wie es der Lesefluss erlaubt, ohne dass am Ende die ganze Geschichte aus dem Leim geht. Wer Spaß am Spiel hat, darf gerne mitzählen – am Schluss verrate ich, wie viele es geworden sind. Wer einfach nur schmunzeln möchte: ebenso herzlich willkommen. Also – Bühne frei!
Der Geist im Rechner
Morgenstund’ hat Gold im Mund – eine Weisheit, die ich schon oft am eigenen Leib erfahren durfte. An jenem Montagmorgen nach Himmelfahrt war ich besonders frohen Mutes: Das lange Wochenende lag hinter mir, die Akkus waren wieder randvoll, und ich hatte mir fest in den Kopf gesetzt, Bäume auszureißen und voller Tatendrang in die neue Woche zu starten. Doch was sich da bereits leise ankündigte, sollte mir die Suppe noch gehörig versalzen. Kaum hatte ich mit dem ersten Schluck Kaffee am Schreibtisch Platz genommen, da gab mein ansonsten treuer PC aus heiterem Himmel den Geist auf. Nicht einmal richtig – das wäre ja vielleicht noch ein Trost gewesen –, sondern in jener heimtückischen Variante, die einem die Zornesröte ins Gesicht treibt und das Blut in den Adern gefrieren lässt: Er startete neu. Und wieder. Und noch einmal.
Ich war kurz davor, die Faust in der Tasche zu ballen. Stattdessen versuchte ich, kühlen Kopf zu bewahren und Nägel mit Köpfen zu machen. Mit der Geduld eines Heiligen und Schweißperlen auf der Stirn klickte ich mich durch sämtliche Menüs, doch je länger ich suchte, desto mehr sah ich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Heiliger Bimbam! Da liegt der Hund begraben, dachte ich – irgendwo zwischen Treiber, Update oder einem Hardwaredefekt musste der Hase im Pfeffer liegen.
Ich versuchte alles
Ich krempelte die Ärmel hoch und setzte alle Hebel in Bewegung. Am Ende stand ich doch da wie der Ochs vorm Berg und fühlte mich, als hätte ich Tomaten auf den Augen. Während es mir also vorkam, als hätte ich ein Brett vor dem Kopf, machte sich mein innerer Schweinehund genüsslich darüber lustig, dass ich – sonst mit allen Wassern gewaschen – an einem simplen Neustart scheiterte. Mir blieb die Spucke weg, und schon bald hatte ich die Schnauze gestrichen voll.
Nach einer Dreiviertelstunde warf ich die Flinte ins Korn. Statt jedoch den Kopf in den Sand zu stecken, beschloss ich, über meinen eigenen Schatten zu springen und einen wahren Joker aus dem Ärmel zu schütteln: Matti. Mein guter Freund, leidenschaftlicher Techniksammler seit den 90er Jahren, der schon den lahmsten Kisten Beine machen konnte und dem im Umgang mit Maschinen aus dem Stegreif so leicht keiner das Wasser reicht. Mit ihm – manche würden ihn auch als graue Eminenz bezeichnen – konnte ich am Ball bleiben und auf Nummer sicher gehen.
Also packte ich den Desktop-Rechner ein, machte mich auf die Socken und hatte bei der Anreise die Sorge, aus der Bahn geworfen zu werden. Das Gefühl, es könnte bis in die Puppen dauern, weil die Suche bis zum bitteren Ende führen könnte, saß mir wie ein kalter Schauer im Nacken. Ich wollte aber nicht den Teufel an die Wand malen, sondern die Kuh musste vom Eis – und ich sprang ins kalte Wasser.
Der Moment der Wahrheit
Bei Matti angekommen, war ich nicht nur etwas neben der Spur, sondern bereits fix und fertig. Er schleppte das schwere Gerät ächzend in sein Büro, stellte es Hals über Kopf hin und drückte mit den Worten »Augen zu und durch« auf den Power-Knopf. Niemand sagte etwas – die Ruhe vor dem Sturm. Doch dann waren die Würfel gefallen: Der Rechner fuhr hoch. Wie aus dem Ei gepellt. Ohne Murren, ohne Zucken, ohne den geringsten Anflug von Aufmüpfigkeit. Mir fiel die Kinnlade herunter. Ich glaubte, mich tritt ein Pferd. Mein PC wurde zum Phönix aus der Asche.
Matti schaute mich verdutzt an, als hätte er gerade einen sprechenden Hund vor sich. »Tja«, erwiderte er schließlich, »läuft doch wie geschmiert«, während ich aus allen Wolken fiel, nur Bahnhof verstand und dachte, ich hätte einen Besen gefressen. Ich war überzeugt, der Rechner hatte eine Schraube locker. Daneben stand ich wie ein begossener Pudel und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte. Hochmut kommt vor dem Fall, jawohl – immerhin war ich soeben mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Statt mir jedoch die Leviten zu lesen, drückte mir Matti grinsend eine Tasse Kaffee in die Hand: »Mein lieber Scholli! Aber so etwas schüttle ich aus dem Ärmel.«
Die Überraschung
Asche auf mein Haupt. Ich schluckte meinen Stolz hinunter, lachte mit ihm und mochte ihm kein X für ein U vormachen. Bei uns war Friede, Freude, Eierkuchen, die Wogen waren geglättet, und wir lachten Tränen über alte Geschichten. Der ganze Ärger war wie weggeblasen. Dann fackelte ich nicht lange und machte mich aus dem Staub. Als ich es auf dem Heimweg Revue passieren ließ, hatte ich irgendwie das Gefühl, jemandem auf den Leim gegangen zu sein. Andererseits wollte ich Matti gegenüber unbedingt noch Farbe bekennen und ihm reinen Wein einschenken, dass ich für meine Panik die Suppe selbst auslöffeln muss.
Heimkehr mit Hut ab
Schließlich zu Hause angekommen, stellte ich das Gerät auf den Schreibtisch, drückte den Knopf, und – siehe da – alles lief wie am Schnürchen. Reibungslos. Geräuschlos. Als hätte ich nie eine Kuh vom Eis holen müssen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Erleichtert machte ich drei Kreuze, diesen Drahtseilakt hinter mir zu haben. »Schwein gehabt!«, rief ich freudig aus.
Da saß ich nun, sah auf den friedlich brummenden Bildschirm und dachte: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – aber ein Freund, der in die Bresche springt und ins Schwarze trifft, obwohl gar keine Hilfe vonnöten ist – das ist, als würde jemand die Hand für einen ins Feuer legen. Ende gut, alles gut. Die Katze ist aus dem Sack: Er hat bei mir einen Stein im Brett, und ich ziehe den Hut. Wir wissen beide: Letztendlich wäscht eine Hand die andere.
Schluss der langen Worte: Jetzt ist aber wirklich der Drops gelutscht.
© Ron Vollandt · Weitere Fundstücke aus meinem Alltag
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Liste aller Redewendungen mit genauer Fundstelle
Einführung – »Liebeserklärung an die deutsche Sprache«
Satz 1
- Hand aufs Herz
- um den heißen Brei herumreden
Satz 2
- jemandem auf den Schlips treten
- jemandem einen Bären aufbinden
- das Kind mit dem Bade ausschütten
- ohne mit der Wimper zu zucken
Satz 3
- Süßholz raspeln
- es faustdick hinter den Ohren haben
- unter aller Kanone
- ein Wink mit dem Zaunpfahl
Absatz 2
- unter einen Hut bringen
- aus dem Leim gehen
- Bühne frei
Hauptteil – »Der Geist im Rechner«
Absatz 1 (Morgenstund …)
- Morgenstund’ hat Gold im Mund
- am eigenen Leib erfahren
- frohen Mutes sein
- die Akkus randvoll haben
- sich etwas in den Kopf setzen
- Bäume ausreißen
- jemandem die Suppe versalzen
- aus heiterem Himmel
- den Geist aufgeben
- die Zornesröte ins Gesicht treiben
- das Blut in den Adern gefrieren lassen
Absatz 2 (Ich war kurz davor …)
- die Faust in der Tasche ballen
- einen kühlen Kopf bewahren
- Nägel mit Köpfen machen
- mit der Geduld eines Heiligen
- den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen
- Heiliger Bimbam!
- da liegt der Hund begraben
- da liegt der Hase im Pfeffer
Absatz 3 (Ich versuchte alles …)
- die Ärmel hochkrempeln
- alle Hebel in Bewegung setzen
- dastehen wie der Ochs vorm Berg
- Tomaten auf den Augen haben
- ein Brett vor dem Kopf haben
- der innere Schweinehund
- mit allen Wassern gewaschen sein
- jemandem bleibt die Spucke weg
- die Schnauze gestrichen voll haben
Absatz 4 (Nach einer Dreiviertelstunde …)
- die Flinte ins Korn werfen
- den Kopf in den Sand stecken
- über den eigenen Schatten springen
- etwas aus dem Ärmel schütteln
- jemandem Beine machen
- aus dem Stegreif
- jemandem das Wasser reichen
- graue Eminenz
- am Ball bleiben
- auf Nummer sicher gehen
- sich auf die Socken machen
- aus der Bahn geworfen werden
- bis in die Puppen
- bis zum bitteren Ende
- im Nacken sitzen
- den Teufel an die Wand malen
- die Kuh vom Eis holen
- ins kalte Wasser springen
Absatz 5 (Bei Matti angekommen …)
- neben der Spur sein
- fix und fertig sein
- Hals über Kopf
- Augen zu und durch
- die Ruhe vor dem Sturm
- die Würfel sind gefallen
- wie aus dem Ei gepellt
- die Kinnlade fällt herunter
- ich glaub, mich tritt ein Pferd
- Phönix aus der Asche
Absatz 6 (Matti schaute mich …)
- wie geschmiert laufen
- aus allen Wolken fallen
- nur Bahnhof verstehen
- einen Besen gefressen haben
- eine Schraube locker haben
- dastehen wie ein begossener Pudel
- Hochmut kommt vor dem Fall
- mit Pauken und Trompeten durchfallen
- jemandem die Leviten lesen
- Mein lieber Scholli!
Absatz 7 (Asche auf mein Haupt …)
- Asche auf mein Haupt
- den Stolz hinunterschlucken
- jemandem ein X für ein U vormachen
- Friede, Freude, Eierkuchen
- die Wogen glätten
- Tränen lachen
- wie weggeblasen sein
- nicht lange fackeln
- sich aus dem Staub machen
- Revue passieren lassen
- jemandem auf den Leim gehen
- Farbe bekennen
- reinen Wein einschenken
- die Suppe auslöffeln
Absatz 8 (Zu Hause angekommen …)
- wie am Schnürchen laufen
- ein Stein fällt vom Herzen
- drei Kreuze machen
- ein Drahtseilakt
- Schwein gehabt!
Schlussabsatz (Da saß ich nun …)
- Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
- in die Bresche springen
- ins Schwarze treffen
- die Hand für jemanden ins Feuer legen
- Ende gut, alles gut
- die Katze aus dem Sack lassen
- einen Stein im Brett haben
- den Hut ziehen
- eine Hand wäscht die andere
Schluss-Satz
- Schluss der langen Worte
- der Drops ist gelutscht
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8 Kommentare
Claudia · 24. Mai 2026 um 10:56
Hallo Ron,
ja, wer kennt es nicht. Der Rechner macht einen gnadenlos zum Affen und man fällt genauso gnadenlos darauf herein. Hätte nur noch gefehlt, dass das Biest zu Hause wieder streikt. Da kann man schon mal aus der Haut fahren. Rechner werden übrigens in ihrer Bösartigkeit nur noch von Druckern übertroffen ich weiß, wovon ich rede. Einer meiner Drucker wurde dann spontan umbenannt. Frag lieber nicht.
Ich hoffe, dein Tag wurde danach komplikationslos und wunderbar.
Viele Grüße
Claudia
Ron Vollandt · 24. Mai 2026 um 11:02
Liebe Claudia,
einen Drucker spontan umzubenennen klingt wie der heimliche Wunsch sehr vieler Mitmenschen – und ja, du musst nichts dazu sagen, ich kann mir den neuen Namen lebhaft vorstellen. Vermutlich nichts, was man im Mittagsgespräch mit der Nachbarin teilen würde.
Deine Einschätzung, dass Rechner in ihrer Bösartigkeit nur noch von Druckern übertroffen werden, kann ich uneingeschränkt unterschreiben. Während mein Rechner an jenem Morgen wenigstens noch den Anstand hatte, vor einem Freund wieder zu funktionieren, scheinen Drucker eine besondere Lust daran zu haben, ausgerechnet dann zu streiken, wenn man dringend ein wichtiges Dokument braucht – und ausgerechnet dann sauber zu drucken, wenn man nur eine Testseite ziehen wollte, um zu prüfen, ob sie noch funktionieren. Das ist keine Bosheit mehr, das ist Niveau.
Mein Tag wurde danach übrigens wirklich komplikationslos – fast schon verdächtig ruhig. Manchmal hat das Universum eben ein Tageskontingent an Wahnsinn, und wenn man das morgens schon aufgebraucht hat, ist der Rest geschenkt. Falls du Lust auf eine ganz ähnliche Lektion in technisch-menschlichem Wahnsinn hast, schau gerne mal in einem anderen Beitrag vorbei – da geht es zwar nicht um Drucker, aber um eine ganz ähnliche Form alltäglicher Absurdität.
Tintenstrahlfreie Grüße zurück
Ron
Marita Eckmann · 26. Mai 2026 um 16:24
Der klassische Vorführ-Effekt. Wer kennt ihn nicht? Ich bin dann immer ganz froh, wenn sich der Blutdruck wieder senkt und ich mit einem blauen Auge davongekommen bin (ist das auch eine Redewendung?).
Ich kenne mich mit Redewendungen nicht wirklich aus und schwankte beim Lesen zwischen „ja, ich verstehe“ und der Sorge, nur Bahnhof zu verstehen. Dein Experiment (oder wie Du das auch immer nennst) ist geglückt und die Eckmann hat wieder was gelernt.
Gruß
Marita
Ron Vollandt · 27. Mai 2026 um 09:08
Liebe Marita,
»Bahnhof verstehen« – ein wundervoll selbstreferentieller Beweis, dass du eben doch nicht nur Bahnhof verstehst. Wer eine Redewendung im richtigen Moment einsetzt, hat sie ohnehin verinnerlicht, auch wenn er es selbst gar nicht merkt. Und ja, »mit einem blauen Auge davonkommen« ist tatsächlich eine. Eine sehr alte sogar, vermutlich aus der Boxsport-Beobachtung des 19. Jahrhunderts: Wer nur ein blaues Auge davonträgt, hat im Vergleich zu seinem Gegner Glück gehabt.
Der Vorführ-Effekt ist eine dieser zuverlässig wirkenden Lebensregeln. Sobald man jemandem etwas demonstrieren möchte, das normalerweise tadellos funktioniert, beschließt das Universum, dass jetzt der Moment für die Komplikation ist. Mein PC wusste das genau – und ich vermute, dein Drucker, deine Waschmaschine, dein Auto kennen diese stille Verschwörung ebenfalls. Es ist fast schon eine Form von technischer Selbstständigkeit. Auch der moderne Bürowahnsinn liefert dafür übrigens reichlich Belege – nur ohne Verlängerungskabel.
Dass die Eckmann etwas dazugelernt hat, freut mich übrigens sehr. Aber ehrlich gesagt: Ich glaube, du hattest die Redewendungen alle ohnehin im Repertoire. Du hast sie nur nie als »Redewendungen« kategorisiert, sondern einfach benutzt. Genau so, wie es eigentlich gedacht war.
Sprachfreundliche Grüße zurück
Ron
Jenny · 27. Mai 2026 um 12:17
Hey, danke für den amüsanten Beitrag.
Ich finde Sprichwörter und Redewendungen spannend, nicht nur aufgrund der heutigen Bedeutung, sondern auch zum Teil der Entstehungen, zumeist im Mittelalter.
Liebe Grüße!
Ron Vollandt · 27. Mai 2026 um 13:29
Hallo Jenny,
dein Interesse an der Entstehungsgeschichte teile ich vollkommen – und du hast völlig recht, dass viele dieser Wendungen tatsächlich aus dem Mittelalter stammen und uns heute beiläufig durch den Alltag begleiten, ohne dass wir noch wissen, woher sie eigentlich kommen.
»Etwas auf dem Kerbholz haben« ist so ein Klassiker: Damals führten Schuldner und Gläubiger gemeinsam ein gespaltenes Holzstück, in das beim Anschreiben Kerben gemacht wurden – wer viele Kerben hatte, hatte viele Schulden. »Pleite gehen« stammt aus dem Jiddischen und meinte ursprünglich »Flucht«. Und das »blaue Wunder« geht vermutlich auf die Färberei zurück, wo Stoffe erst nach Aussetzung an Luft und Sonne wirklich blau wurden – ein Wunder mit Wartezeit. Man könnte stundenlang darin verschwinden.
Was mich daran besonders fasziniert, ist diese sprachliche Konservierung: Wir tragen ganze Wirtschaftssysteme, Berufsbilder und Gesellschaftsstrukturen vergangener Jahrhunderte in unserem Alltag herum, ohne es zu bemerken. Vielleicht ist Sprache der heimlichste Archivar überhaupt – diskreter als jedes Museum und mit deutlich besserer Reichweite. Falls dich diese Spurensuche reizt, findest du in »Die hohe Kunst der Chuzpe« übrigens ein weiteres jiddisches Lehnwort, dem ich einen ganzen Beitrag gewidmet habe.
Spracharchäologische Grüße zurück
Ron
Susanna · 29. Mai 2026 um 20:50
Lieber Ron,
beim Lesen musste ich an einen Erstehilfekurs denken, in dem die Referentin Bandwurmsätze mit Haufen von unnützen Füllwörtern aneinander reihte. Hätte sie doch Redewendungen benutzt, das wäre wenigstens amüsant gewesen. Mein Computer reagiert übrigens schon allein auf das Nerd-Karma meines Mannes. Wenn ich ein Problem habe und ihn um Hilfe bitte, reicht es in 80% der Fälle aus, dass er kommt und guckt – schon klappt es …
Liebe Grüße
Susanna
Ron Vollandt · 30. Mai 2026 um 16:07
Liebe Susanna,
das »Nerd-Karma« deines Mannes ist eine wunderbare Beobachtung – und ein Phänomen, das vermutlich der Quantenmechanik des Alltags zuzurechnen ist. Sobald jemand mit technischer Aura den Raum betritt, ändern sich die elektromagnetischen Verhältnisse. Geräte spüren das. Sie sind nicht dumm, sie sind nur selektiv kooperativ. Wer den Drucker täglich anbrüllt, bekommt Papierstau. Wer ihm wortlos die Hand auflegt, bekommt Ausdrucke. Mein eigener Rechner würde sich vermutlich besser benehmen, wenn ich ihm ab und zu eine Tasse Kaffee anböte – Höflichkeit ist schließlich überall gefragt.
Deine Erste-Hilfe-Kurs-Erinnerung lässt mich übrigens schmunzeln. Es gibt offenbar eine Berufsgruppe, die meint, Kompetenz beweise sich an der Länge ihrer Sätze und der Dichte ihrer Füllwörter. »Quasi«, »irgendwie«, »vom Grundsatz her in gewisser Hinsicht« – das alles dient nicht dem Verständnis, sondern der Selbstinszenierung. Mit Redewendungen wäre wenigstens etwas Charakter im Stoff gewesen. Stattdessen vermutlich vierzig Minuten verbaler Watte, an deren Ende man nicht mehr wusste, wie man jemandem das Leben rettet, sondern wie man höflich aus dem Raum kommt.
Vielleicht ist das überhaupt ein interessantes Sprachfeld: Wo Redewendungen Bild und Pointe transportieren, schaffen Füllwörter Distanz. Die einen verdichten, die anderen verdünnen. Schade, dass viele Vortragende das Gegenteil glauben.
Sprachverliebte Grüße zurück
Ron